Die Wissenswerte, die deutsche Tagung für Wissenschaftsjournalismus, war im Dezember 2017 in Darmstadt zu Gast. Mit den Reisestipendien der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften sind Studierende hingereist und haben unter anderem Sessions zu aktuellen Reizthemen wie Fake News besucht. Daraus sind ein Beitrag fürs Campusradio Karlsruhe entstanden sowie der folgende Blogartikel.

Kongresszentrum Darmstadtium
Das Darmstadtium, in dem die Wissenswerte 2017 stattfand (Bild: Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadt GmbH & Co. KG)

Subjektive Wahrheit in Grafiken (von Sophia Stölting)

Selbst nach einem chemischen Element benannt, war das Darmstadtium der perfekte Ort für die diesjährige Wissenswerte. Das gläserne und asymmetrische Gebäude, auch „scheppe Schachtel“ genannt, hebt sich in der Innenstadt deutlich vom barocken Schloss oder dem hessischen Landesmuseum ab. Hier tummelten sich drei Tage lang rund 400 Journalisten und Pressearbeiter aus ganz Deutschland.

„Ich zeige euch nun, wie ich Wissenschaft vortäusche“, erklärt Katja Berlin im trockenen Ton und beginnt ihren Vortrag zum Thema Daten. Die Autorin arbeitet für DIE ZEIT und erstellt einmal pro Woche die „Torte der Wahrheit“. In ihren Grafiken visualisiert sie überspitzt gefühlte Wahrheiten aus dem Alltag. Vorher habe sie im Bereich der politischen Kommunikation gearbeitet. Der Schritt zum Beruf als Humorschreiberin sei dann nur noch ein kleiner gewesen. Die Torten- und Balkengrafiken kommen gut bei den Lesern an. Ihre Bilder würden dann besonders funktionieren, wenn die Leser sich selbst wiedererkennen, so Berlin. „Je besser es in unser Weltbild passt, desto eher akzeptieren wir es“. Die Akzeptanz ginge manchmal sogar so weit, dass die Leser sie als wahr empfinden. Die Journalistin erzählt, dass sie immer wieder ernsthafte Quellenanfragen erhalte. Katja Berlin hat dafür eine mögliche Erklärung parat: „Die Vereinfachung kommt unserer Art zu Denken sehr entgegen.“ Wir Menschen müssten im Alltag viele Informationen verarbeiten. Muster und klare Einordnungen könnten uns diesen Denkprozess erleichtern. So komme es in unserer heutigen Gesellschaft immer wieder zu verzerrten Wahrnehmungen und parallelen Lebenswelten. „Doch am Ende ist die Welt doch zu komplex für drei Tortenstückchen“, schließt Berlin ihren Vortrag ab.

Katja Berlin bei der Wissenswerte 2017
Katja Berlin und eine ihrer “Torten der Wahrheit” (Bild: Christina Merkel)

Diese zunehmende Verzerrung, der Verlust an Glaubwürdigkeit und Fake News waren auf der diesjährigen Messe immer wieder Gesprächsthemen in Diskussionsrunden, Workshops oder Werkstattgesprächen. Umso wichtiger ist der Austausch zwischen den Journalisten. Die Wissenswerte ist eine tolle Plattform, um sich fortzubilden und von anderen Medienmachern zu lernen. Hoffentlich wird die Messe auch in Zukunft fortbestehen und der Wissenschaftsjournalismus seine Rolle als kritischer Beobachter beibehalten.

Handwerk vor Handlung (von Franziska Becker)

Flüchtling stirbt beim Schlangestehen!” ­­– Diese Schlagzeile verbreitete sich im Januar 2016 wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken. Laut dem Bündnis „Moabit hilft“ soll der 24-Jährige gestorben sein, nachdem er mehrere Tage vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales angestanden war. Doch noch am selben Tag wurde klar: Die Geschichte war erfunden, der Mann lebt.

In einem Zeitalter, in dem die Menschen immer mehr den Journalisten und den Ergebnissen von Wissenschaftlern misstrauen, ist das Phänomen „Fake News“ besonders problematisch. Aus diesem Grund war dieses einer der Schwerpunkte auf der diesjährigen „Wissenswerte“ in Darmstadt. Zwar ist das Lügenerzählen so alt wie die Menschheit selbst, doch durch Facebook, Twitter und Co erhalten falsche Nachrichten eine neue Brisanz, da sie nun innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen erreichen und zu einer verzerrten Wahrnehmung führen können.

Um nicht selbst auf Fake News hereinzufallen, gab Recherche-Trainer Albrecht Ude den Wissenschaftsjournalisten beim Workshop „Fakt oder Fake? Quellen im Netz überprüfen“ nützliche Tipps für den Redaktionsalltag. Dabei kristallisierte sich heraus, dass sich die meisten Fakes bereits durch einfaches Fact-Checking aufdecken lassen. Wer steht beispielsweise hinter einer Webseite? Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Metadaten eines Bildes ziehen? Was ergibt die Bilder-Rückwärtssuche? Über allem steht letztendlich immer die Frage: Wo kann ich nachfragen, wer müsste die Information aus erster Hand haben? In einem anderen Workshop zeigte Fernseh- und VR-Journalistin Christiane Wittenbecher, wie sie mit dem Smartphone Videos überträgt oder Infos live tickert, um von jedem Ort der Welt aus schnell auf Ereignisse reagieren zu können.

Präsentation Mobile Reporting Workshop
Workshop zu Mobile Reporting von Christiane Wittenbecher (Bild: Vanessa Laspe)

Des Weiteren wurde sich in einer Diskussionsrunde darüber ausgetauscht, wie Medienhäuser und Journalisten am besten mit Falschnachrichten in sozialen Netzwerken umgehen sollten. Hörfunk-Journalistin Miriam Stumpfe baute beispielsweise eine Verifikationsabteilung im Bayrischen Rundfunk auf, um Fake News vorzubeugen: „Die Verifikationsabteilung beim BR verdanken wir Donald Trump.“ Weiterhin ist sie davon überzeugt, dass es in Zukunft immer mehr Fachjournalisten braucht, um Fakten schnell beurteilen und einordnen zu können.

Medienforscher Phillipp Müller stellte Forschungsergebnisse vor, die das Schreiben von richtigstellenden „Aufklärungsartikeln“ von Fake News als eher erfolgloses Werkzeug bemessen. Zum einen wird die Falschmeldung nochmal unnötig wiederholt und zum anderen tritt der „Backfire-Effect“ häufig auf. Dieser beschreibt das Phänomen, dass es schwierig ist, Menschen vom richtigen Fakt zu überzeugen, wenn der falsche Fakt perfekt in ihr Weltbild passt. Bei diesen Rezipienten könnte daraufhin auch eine Art Trotz-Reaktion auftreten, sodass sich ihr Weltbild – inklusive falscher Nachricht – noch mehr festigt. Daher ist Müller der Ansicht, Fake News in sozialen Medien bei Entlarvung sofort zu löschen und im Redaktionsalltag genaues Fact-Checking zu betreiben.

Egal, wie hoch der Nachrichtenwert einer neuen Schlagzeile ist, sie wird nicht blind geteilt, geliked oder verbreitet. Es gilt das Kredo „Handwerk vor Handlung“, darin sind sich hier alle einig. Vielleicht trägt das dazu bei, das Vertrauen in den Journalismus wieder zu stärken.

 

Handwerk vor Handlung – Wissenswerte in Darmstadt

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

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