Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung “Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis” von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Wie konstruktiver Journalismus in der Praxis gelingen kann, darüber referierte Han Langeslag – in Vertretung für seine Kollegin Maren Urner – im Rahmen der Ringvorlesungsreihe. Der Mitbegründer eines Medien-Start-ups beschrieb die Herangehensweise, die sein eigenes Team in Sachen Online-Journalismus prägt, und erläuterte die positiven Auswirkungen auf Rezipienten.

Han Langeslag, ein Niederländer, der zunächst Wirtschaft, dann Psychologie und im Anschluss Neurowissenschaften studierte, gründete gemeinsam mit Bernhard Eikenberg und Maren Urner die Online-Journalismus-Plattform “Perspective Daily”. Inspiriert wurden sie durch ähnliche Formate aus dem Ausland, wie beispielsweise “De Correspondent” aus den Niederlanden und die britischen “Positive News”. Alle haben eins gemeinsam: Sie stehen für konstruktiven Journalismus. Langeslag beschrieb diese Strömung näher. Es handle sich hierbei um eine Idee aus der Psychologie, vergleichbar mit der Praxis der konstruktiven Kritik. Diese Journalismusform lege Wert darauf, auch Grautöne darzustellen, denn auch in der Wissenschaft sei nicht alles schwarzweiß. Der Wunsch, der Text möge bei den Rezipienten etwas bewegen, eine Interaktion anstoßen, den Diskurs über den Inhalt vorantreiben, sei dabei ausschlaggebend. Es gelte Transparenz zu schaffen, auch Fehler zuzugeben, Primärquellen offen zu legen und die eigene Haltung nicht zu verschweigen. Die Autoren von “Perspective daily” beleuchten bewusst ihren persönlichen Hintergrund, so der Referent, denn durchgängig neutral-objektiv zu bleiben sei sehr schwer. Er halte es für besser, die eigenen Ansichten, untermauert durch Argumente, darzulegen, dann könne der journalistische Beitrag besser eingeordnet werden. Insgesamt gehe es auch darum, die Menschen durch diese andere Art des Journalismus zufriedener, aktiver und hoffnungsvoller zu machen. Das negative Weltbild, das teilweise durch vermehrte Berichterstattung von Krisen getriggert wird, solle einem realistischeren Weltbild weichen. Han Lageslag betonte, es gäbe derzeit beispielsweise viel weniger Naturkatastrophen als in früheren Jahrzehnten. Dennoch habe sich durch problemorientierten Journalismus ein negatives Bild in den Köpfen der Menschen verankert. Es sei wichtig, auch Alternativerklärungen bereit zu halten, um einen Perspektivenwechsel zu erleichtern. Das Reden über Lösungen, hier zitierte der Vortragende Steve de Shazer, schaffe Lösungen. Demnach sei lösungsorientierter Journalismus der richtige Ansatz.

“Perspective daily” ist eine werbefreie, unabhängige Plattform, die sich aktuell ausschließlich über Mitgliedsbeiträge finanziert. Das sei nicht einfach, aber der beste Weg eine Beziehung zu den Mitgliedern aufzubauen, so der Vortragende. Aktiver Austausch mit selbigen sei ausdrücklich gewünscht und bereichere die Community. Aktuell umfasst das Redaktionsteam neun Autoren, die ein breites Spektrum an Fachwissen vorzuweisen haben und dadurch Informationen sicher einordnen können. Unter anderem arbeiten Germanisten, Physiker und Juristen Hand in Hand. Im Plenum wird entschieden, welche Themen als nächstes in Angriff genommen werden. Jeder Artikel wird nach Fertigstellung mindestens von drei Personen gegengelesen. In den Diskussionsrunden gehe es manchmal auch etwas deutlicher zur Sache, so Langeslag. Doch nur so könne gewährleistet werden, dass unterschiedliche Blickwinkel zum Tragen kommen und keine unbewusste Verzerrung aufgrund persönlicher Einstellungen eintritt. Man könne damit aber gut umgehen und stelle die Sache selbst in den Vordergrund. Derzeit erscheint ein Beitrag täglich. Ein Anstieg der Frequenz sei geplant.

Nicht nur als Autor, ebenso als Rezipient könne man aktiv werden und eigene Perspektiven unter die Lupe nehmen, führte Langeslag aus. Denn unser Gedächtnis ist keine Festplatte, alle Informationen werden aktiv interpretiert und anschließend in einer Kombination aus alten Erinnerungen und neuem Wissen zusammengefügt. Sich bewusst zu machen, dass es die Fallstricke unseres eigenen Denkens sein können, die unsere Wahrnehmung beeinflussen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jede Wahrheit habe einen eigenen Interpretationsspielraum, und wenn Information in irgendeiner Weise mit unserer eigenen Identität verbunden sind, falle es besonders schwer, von Überzeugungen wieder Abstand zu nehmen, wenn sie sich als falsch herausstellen. Die Menschen hätten quasi ein Immunsystem gegen Fakten, das das Gedächtnis gefährdet, schloss Langeslag.

In der abschließenden Diskussionsrunde wurden unterschiedliche Punkte interessiert hinterfragt. Han Langeslag zeigte sich, wie schon während des gesamten Vortrags, überaus offen und antwortete ausführlich. Im Rahmen seiner Antworten konnte er nochmal unterstreichen, dass sein Team nicht alles anders mache, als der bisherige Wissenschaftsjournalismus, sondern vielmehr eine bewusste Konzentration auf Transparenz, Problemlösung und eine Aktivierung zum Perspektivenwechsel stattfände. Offen blieb dabei, ob bei diesem stark lösungsorientierten Journalismus nicht die Gefahr der Komplexitätsreduktion besteht. Zudem steht in Frage, ob dieses Format des Online-Journalismus nur eine sehr enge Zielgruppe anspricht und auf das große Ganze gerechnet der angestrebte positive Effekt verpufft. Kann eine abgeschlossene Gemeinschaft, die vermutlich ohnehin von Haus aus bereits die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel mitbringt, eine solche Reichweite einnehmen, dass ein Wechsel in den Köpfen der Bevölkerung stattfindet? Oder ist das Format genau der richtige Anstoß, die der Journalismus benötigt, um andere Wege der Kommunikation einzuschlagen?

Carmen Dreyer

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Perspektivenwechsel für Willige
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