Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung „Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis“ von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Wer versuchen möchte, sich vor jedem Risiko zu schützen, der müsste sich wohl das Leben nehmen – das habe ich dem Vortrag Risikokommunikation zwischen Fakten, Fake und Emotionen allzu deutlich entnehmen können. Denn allen Risiken zu entkommen, ist nicht möglich. Sie sind ein Teil unseres Lebens. Über welche Risiken wir uns mehr oder weniger den Kopf zerbrechen, bestimmen öffentliche Risiko-Diskurse. Das ist das Stichwort, bei dem schließlich die Risikokommunikation ins Spiel kommt. Einer, der sich auf diesem Gebiet bestens auskennt, ist Prof. Dr. Peter Wiedemann. Er ist Professor für Psychologie und Associate Investigator und befasst sich in seiner Forschung hauptsächlich mit Risikoabschätzung. Mit seinem Vortrag liefert er einen Überblick über verschiedene Risikowelten, betrachtet die Aufgaben der Risikokommunikation und gibt Einblicke in aktuelle Risiko-Diskurse.

Wiedemann startet anschaulich und für die meisten Zuhörenden mit einem Beispiel, das ihrem Leben nicht näher hätte seien können: Der Tagesablauf eines durchschnittlichen Studierenden. Wie viele Risiken dieser beinhaltet, lässt jemanden, der ohne viel nachzudenken in den Tag hineinlebt, erst einmal schlucken: Bereits morgens beim Anschalten der Nachttischlampe können Studierende durch einen elektrischen Schlag einer brüchigen Leitung sterben. Selbst ein Knäckebrot können sie nicht risikofrei genießen, da dieses Acrylamid enthält und damit krebserregend ist. Nicht zuletzt ist auch das Studieren an sich risikoreich. Denn: Wer mehr als drei Jahre studiert, besitzt als Mann ein 22 Prozent und als Frau ein 23 Prozent höheres Glioma-Risiko. Glioma sind Tumore des Zentralnervensystems.

Dieses Beispiel zeigt in aller Deutlichkeit, was bereits anfangs erwähnt wurde: Risiken lauern überall. Doch wieso ist das so? Wiedmann kennt die Antwort: „Risiken sind Kennzahlen, die Zusammenhänge zwischen externen oder internen Bedingungen und Schadensfolgen beschreiben“. Externe oder interne Bedingungen, das kann alles sein. Und genau das ist der Punkt, der das Risiko sowohl kontingent als auch unausweichlich macht: Risiken können möglich werden oder aber eben nicht – sie sind also ein Erwartungswert und nicht kausal, sondern variabel. Da wir in der heutigen Zeit Risiken mit unseren eigenen Sinnen immer weniger wahrnehmen, sind wir abhängig von Informationen, die uns ermöglichen, diese besser einschätzen zu können. Das übernimmt die Risikokommunikation. Sie ist ein Aufklärungsinstrument und dafür verantwortlich, wissenschaftliches Wissen transparent an die Öffentlichkeit zu kommunizieren. „Die Risikokommunikation beruft sich auf Ereignisse aus der Vergangenheit mit deren Hilfe sie Prognosen für die Zukunft aufstellt, zum Beispiel durch systematische Beobachtungen oder Modelle“, erklärt Wiedemann. Es sei jedoch Vorsicht geboten, appelliert er gleichzeitig, denn solche Modelle seien eben nicht die Wirklichkeit und können daher Mess- und Modellfehler enthalten. Das müsse bei der Kommunikation darüber beachtet werden.

Plakat Ringvorlesung 9

„Wie können Risiken richtig kommuniziert werden?“, wirft Wiedemann als nächstes in den Raum. Eine knappe Antwort darauf wäre: Korrekt und verständlich. So einfach ist es in der Realität nicht. Und damit spielt er auf das Thema der diesjährigen Ringvorlesung an: Gefühlte Wahrheiten. Diese spielen auch in der Risikokommunikation eine entscheidende Rolle. „Die beste Lüge ist die halbe Wahrheit“, dieser Grundsatz findet sich allzu oft in der Risikokommunikation wieder. Beispiele dazu gibt es genug. Von der verdrehten Halbwahrheit, die behauptet, dass Bier krebserregend sei, weil es mehr Pestizide enthält als Wasser, ohne zu erwähnen, wie viel Konsum überhaupt notwendig ist, bis ein Risiko entsteht. Bis hin zur irrelevanten Risikowahrheit, die aussagt, dass jede zehnte Frau in Deutschland in ihrem Leben von Brustkrebs betroffen ist, ohne einen konkreten Bezug herzustellen, der deutlich macht, auf welche Lebenszeit sich diese Aussage bezieht. Mit diesen Beispielen zeigt Wiedemann: Es geht nicht mehr um wissenschaftliche Evidenzen in der Risikokommunikation, sondern vielmehr um eine spannende Story, in der moralische und affektive Bewertungen dominieren. Risikokommunikation ist, trotz aller Bekenntnisse zur Aufklärung, also immer auch ein populistischer Diskurs. Vor allem dann, wenn vitale Interessen von politischen Akteuren berührt werden. Dann spielt das bessere Argument kaum eine Rolle. Die Durchsetzung von Geltungsansprüchen und die Mobilisierung der Massen sind wirksamer über moralische Appelle und Bauchgefühle zu erreichen.

„Kann es dann die richtige, interessensfreie Risikokommunikation überhaupt geben?“, frage ich mich nach Wiedemanns Vortrag und muss gleichzeitig feststellen, dass es wahrscheinlich keine richtige Antwort darauf geben wird. In meinen Augen ist Risikokommunikation an sich genauso risikoreich wie die Informationen, die sie vermittelt: Vertrauen wir ihr, kann es sein, dass wir uns an eine moralische und affektive Halbwahrheit klammern. Glauben wir ihr nicht oder existiert sie erst gar nicht, dann ist es uns nicht mehr möglich, informierte Entscheidungen zu treffen. Mit dem Risiko der Risikokommunikation müssen wir also leben. Das oberste Gebot der Risikokommunikation sollte dennoch die Aufklärung bleiben. Sprechen Wissenschaftsjournalisten also über Risiken, so sollten sie versuchen, Emotionen und Objektivität zu verbinden: Sie sollten aufklären, richtigstellen, alle Seiten der Debatte beleuchten, transparent ihre Quellen kommunizieren und dem Rezipient die Wahl lassen, selbst zu entscheiden, was er für richtig hält, und das alles verpackt in einer runden Story. Vor allem in einer Zeit, in denen die Angst vor Terrorangriffen sehr dominant ist, ist es wichtig, dass Risikokommunikation nicht nur emotionale Risiko-Storys vermittelt. Rezipienten sollten mit Bildern und Geschichten katastrophaler Ereignisse nicht weitgehend alleine gelassen werden. Risikokommunikation sollte dazu beitragen, dass Berichterstattungen die erforderliche Differenzierung erhalten, die es dem Rezipienten ermöglicht, Ursachen und Wirkungen zu verstehen.

Kira Hetberg

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Risikokommunikation auf Abwegen

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