Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung “Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis” von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

York Sure-Vetter, Professor am Institut für angewandte Informatik und formale Beschreibungsverfahren (AIFB) am KIT, interessiert sich in seiner Forschung insbesondere für „Web Science“, „Semantic Web“ und „Data Mining“. Außerdem ist er Direktor am Karlsruhe Service Research Institute (KSRI) sowie am Forschungszentrum Informatik (FZI). Oder, wie sein Chef es laut Sure-Vetter ausdrückt: „Er war net faul“.

Sure-Vetters Vortrag war dreigeteilt: Zunächst ging er auf die Hintergründe des Webs ein, dann auf das „Social Web“. Zuletzt stellte er sein Spezialgebiet „Web Science“ vor. Einen großen Teil seines Vortrags machte die Entwicklungsgeschichte des Webs aus. Beginnend bei der Idee Tim Berners-Lees einer internationalen Verknüpfung von Wissen und der ersten Website, erzählte er von dem explosionsartigen Wachstum der Anzahl an Websites und Internetbenutzern seit 1994.

Goldene Plakette an Bürotür
Plakette zur Entwicklung des World Wide Web am CERN (Bild: Max Braun/flickr.com, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Weiter gab er eine Übersicht über die Angebote des Webs im Wandel der Zeit: Mit Werbung und Onlineshopping, wie zum Beispiel bei Google und Amazon, habe es angefangen. Seit 2004 liege der Fokus mehr auf den Bereichen „Leben und Arbeit“, wie etwa bei Facebook und Onlinekursen, aber auch durch die neuen Einflussmöglichkeiten auf die US-Wahl von Obama und Trump unter anderem mit Twitter.

Anschließend erklärte Sure-Vetter die Besonderheiten der Funktionsweise des Webs, wie etwa die Kommunikation zwischen Servern und Clients und das Prinzip der Verlinkungen zwischen Dokumenten. Außerdem ging er auf die Entwicklung des sogenannten „Web 1.0“ bis zum „Web 3.0“ ein. Das Web 1.0 sei im Gegensatz zum Web 2.0 auf einseitige und statische Kommunikation von einer Website an viele Nutzer ausgerichtet, während das Web 2.0 es den Nutzern ermögliche, ohne Zugang zum Server interaktiv und kollaborativ die Webseiteninhalte zu bearbeiten. Diese Entwicklung ermöglichte erst die heute allgegenwärtigen Formate wie Wikis, Blogs, Facebook und YouTube. Das sich gegenwärtig entwickelnde Web 3.0 beziehungsweise das „Semantic Web“ habe zum Ziel, Webseiten maschinenlesbar und -ausführbar zu machen, um die Nutzung produktiver und intuitiver zu machen.

Am Beispiel von Facebook beschrieb Sure-Vetter das „Social Web“, also die (internationale) Verbindung von Menschen im Web. Zwar übertreffe die Zahl der Suchmaschinennutzer die Zahl der Nutzer von sozialen Netzwerken, doch letztere verbringen mehr Zeit auf den Seiten. So überhole das „Social Web“ das herkömmliche Web in einem – etwa für Werbung, aber auch für Politik – wichtigen Aspekt.

Plakat Ringvorlesung 8

Insbesondere durch die immer stärker zunehmende Nutzung von Facebook, Twitter und Jobbörsen wie LinkedIn und Xing entstehen riesige Mengen an Daten in einer immer schnelleren Geschwindigkeit. Diese Daten nach interessanten Inhalten zu filtern und auszuwerten, sei die Mammutaufgabe der „Web Science“, die 2006 zum ersten Mal als Forschungsthema wahrgenommen wurde – in einem Buch unter anderem von Berners-Lee. Laut ihm wissen wir mehr von komplexen Naturphänomenen als von dem konstruierten Phänomen des Webs. Relativ einfach auszuwerten sei beispielsweise die Aktivität von Twitter-Nutzern zu einem bestimmten Thema (etwa einem Erdbeben), die die realen Ereignisse (wie die seismographischen Kurven) fast schon korrelativ abbilde. Weniger einfach sei es dagegen, aus der eigenen „Filter Bubble“, also der Isolation der Nutzer von Informationen, die nicht ihrem Standpunkt entsprechen, auszubrechen. Hier setze die aktuelle Forschung an und untersuche unter anderem den Einfluss der Filteralgorithmen auf Wahlergebnisse.

Hier beendete Sure-Vetter seinen Vortrag und ließ die Frage offen, welchen Bezug das Problem der Filterblase zu Fake News hat. In einem gemischten Angebot einer Zeitung besteht zumindest nicht die Möglichkeit, dass Fake News „viral gehen“, also sich wie eine Epidemie unaufhaltsam verbreiten. Anders sieht es dagegen im höchst personalisierten „Social Web“ aus, in dem Algorithmen die Beiträge bevorzugt anzeigen, die schon eine erhöhte Aufmerksamkeit bekommen haben. Ob und inwiefern sich die eigene Meinung dadurch verstärkt, dass andere Meinungen herausgefiltert werden, hätte mich aus Sure-Vetters Perspektive interessiert. Insgesamt hätte ich mir also mehr Bezug zu Fake News und Sure-Vetters eigener Forschung und weniger Hintergründe gewünscht. Die Geschichte des Internets kann man sich schließlich schnell selbst „ergooglen“, aber die Gelegenheit, einen Erfahrungsbericht von einem Datamining-Experten zu hören, ist eher selten.

Hannah Günther

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Vom Web zum Social Web
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