Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung “Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis” von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Mathias Herweg, Professor für Mediävistik und Frühneuzeitforschung am KIT, geht in seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung weit in die Vergangenheit und zeigt, dass die ersten Formen der Wissenschaftskommunikation bereits im Mittelalter verbreitet wurden. Dies geschah in Form von Chroniken, die sich mit heutigen Enzyklopädien vergleichen lassen. Latein war zu dieser Zeit noch die Sprache der Wissenschaft, daher ist eine Chronik auf Deutsch auch für Laien zugänglich und stellt somit einen wichtigen Beitrag zur frühen Popularisierung der Wissenschaft dar. Allerdings zeigt Herweg auch, dass sich der Wahrheitsanspruch eines Chronisten im Mittelalter sehr von der Faktenwahrheit unterscheidet.

„Geschichte ist Erzählen – mehr Story als History.“ Mit diesem Zitat fasst Herweg die mittelalterliche Geschichtsschreibung zusammen, abgeleitet von Isidor von Sevillas früher Definition von Geschichte: „[…] eine Erzählung, die das, was in der Vergangenheit geschah [getan wurde], erschließt.“ In diesem Zusammenhang stellt Herweg die Frage, ob Geschichte anders erzählt wird als Fiktion. Und ob es überhaupt einen Unterschied macht, ob sie auf Fakten beruht oder frei erfunden ist. Er geht noch weiter und sagt, dass auch wir Geschichte konstruieren und erfinden, indem wir Zeitabschnitte und Orte definieren.

Damit nicht genug, Geschichte ist Dichtung, es finden sich klassische literarische Elemente in ihr: Spannungsbogen, Kausalisierung, Psychologisierung, Rhetorisierung sowie Sinnunterstellung und -konstruktion. Hayden White verdeutlicht dies eindrucksvoll in den Worten „Ereignisse werden zu einer Geschichte gemacht. […] Ob sie ihren Platz am Ende in einer tragischen, komischen, romantischen oder ironischen Story finden, hängt von der Entscheidung des Historikers ab.“ Auch die Kaiserchronik von Otto von Freising gehört dazu, erschienen im Jahre 1150. Bewusst hat von Freising jedes der acht Bücher mit einer Katastrophe enden lassen. Damit zeigt bereits von Freising die Willkür auf, der die Geschichtsschreibung unterliegt. Gleichzeitig legt er aber auch dar, dass jeder Historiker, bis heute, auswählen und verwerfen muss.

Plakat Ringvorlesung 7

Die Problematik, die daraus entsteht, zeigt sich anhand des Beispiels von Kaiser Trajan. Zwei Chroniken widersprechen sich in der Darstellung des Kaisers, fordern aber beide unbedingten Wahrheitsanspruch ein. Es zeigt sich auch, dass sie nichts erfinden, sondern schlicht unterschiedliche Quellen benutzen und verschiedene Aspekte des Lebens des Kaisers beleuchten. Daraus ergeben sich zwei widersprüchliche Bilder ein und derselben Person. Leser der Chroniken stehen damit vor der Frage, welcher Chronik sie Glauben schenken sollen. Andererseits liegt es auch in den Händen des Historikers, Ordnung in die wirre und chaotische Geschichte zu bringen und ihr etwas Lehrreiches zuzuschreiben. Herweg stellt hierbei auch die These auf, dass historische Romane bis heute so funktionieren: „Man liest etwas Unterhaltsames und lernt dabei auch noch etwas über die Geschichte.“

Herweg gibt in seinem Vortrag einen gelungenen Überblick über die frühe Geschichtsschreibung und das, was als Wissenschaftskommunikation bezeichnet werden kann. Besonders die Schwierigkeit zu der damaligen Zeit, zwischen Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden, legt er anschaulich dar, sowohl was die Autoren und Chronisten angeht, als auch die Leser.

Schwierig finde ich, Historikern zu unterstellen, sie würden Geschichte „erfinden“, indem sie einzelne Zeitabschnitte oder Orte betrachten. Die Fülle an Informationen macht es unmöglich, nicht zu selektieren, zumal noch Faktoren wie Relevanz und Betrachtungswinkel hinzukommen. Und selbst wenn ein solcher Zeitraum und Ort definiert sind, heißt dies nicht, dass das ein geschlossenes System ist. Meistens spielen Ereignisse davor oder danach eine wichtige Rolle und werden dementsprechend auch erwähnt. Viel interessanter wäre in diesem Zusammenhang die Frage danach, inwiefern das von der jeweiligen Gesellschaft abhing oder abhängt, was in die Geschichte mit aufgenommen wird, inwiefern sich die jeweiligen Geschichten verschiedener Gesellschaften unterscheiden und sich dies auf die Identitätsbildung auswirkt.

Da Herweg auch das Beispiel von Kaiser Trajan heranzieht und gelegentlich von alternativen Fakten und Postfaktizismus spricht, ist es schade, dass er nicht auf die Folgen solcher widersprüchlichen Erzählungen eingeht.

Leider bleibt in einigen Fällen unklar, auf was genau Herweg hinaus möchte. Insbesondere dann, wenn er Sachverhalte mit Geschehnissen, die er beispielsweise mit „dem Telos des Jahres 1913 ohne den Telos des Juli 1914“ umschreibt, vergleicht. Selbst wenn man ein genaues Bild von diesen Geschehnissen hat, kann man sich nicht sicher sein, vom Gleichen wie Herweg zu sprechen. Das macht es unnötig kompliziert, teilweise auch gar nicht möglich, dem Inhalt adäquat zu folgen.

Dem kommt leider auch der Vortragsstil hinzu. Ein vollständig ausformulierter Vortrag, der abgelesen wird, mag dem ursprünglichen Gedanken einer Vorlesung entsprechen und angenehm für den Referenten sein. Als Zuhörer verliert man aber schnell den Faden. Vor allem, wenn die Sätze in sich verschachtelt sind und sich Fachbegriff an Fremdwort reiht. Beim Schreiben eines solchen Textes verliert man meiner Meinung nach zu schnell das Gefühl für Verständlichkeit. Sicherlich lässt sich der Text gut lesen, ist umfassend, detailreich und inhaltlich korrekt. Aber bekommt man ihn vorgelesen, wird man von Informationen erschlagen. Zumal die Präsentation den Vortrag nicht wirklich begleitet, sondern größtenteils visuell ergänzt, was es nochmal schwieriger macht, parallel zuzuhören. So stellt sich mal wieder die Frage: Was haben Germanisten mit ihren ausformulierten Vorträgen?

Kay Koch

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Was geschieht eigentlich, wenn man Geschichten erzählt?
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