Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung „Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis“ von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Wie geht man in der Wissenschafts-PR mit antiwissenschaftlichen Tendenzen um? Wie reagiert man, wenn die Diskussion plötzlich emotional wird oder wenn alternative Fakten vorgestellt werden? Elisabeth Hoffmann berichtete uns von ihren Erfahrungen und erklärte, wie man Wissen sinnvoll vermittelt und gleichzeitig die Stimme der Wissenschaft stärkt. Sie leitet die Stabsstelle Presse und Kommunikation der TU Braunschweig.

Sie begann ihren Vortrag mit drei alptraumhaften Begegnungen, in denen sie auf skeptische oder gar feindselige Positionen reagieren musste. In der ersten Situation organisierte sie ein Symposium mit Wissenschaftlern und Milchgegnern. Die Milchgegner konfrontierten die Wissenschaftler mit eigenen Studien und lehnten deren Erkenntnissen kategorisch ab. Eine schwierige Situation – für einen laienhaften Zuschauer ist mitunter schwer zu erkennen, wer hier Recht hat. In einer zweiten Situation sollte ein Dialog mit der Nachbarschaft eines geplanten Batterieforschunglabores initiiert werden. Die Wissenschaftler erklärten ihre Forschung und alles schien in bester Ordnung, doch dann meldete sich ein Teilnehmer und fragte nach den Lösungsmitteln in den Batterien. Die Diskussion wurde sehr schnell sehr emotional, denn das geplante Labor befand sich in direkter Nähe zu einem Kindergarten. Eine gewisse Panik verbreitete sich unter den Anwohnern und das ganze Forschungsprojekt drohte abgesagt zu werden. In der letzten Situation wollten sich wissenshungrige Senioren zum Thema Gender weiterbilden. Also luden sie einen Evolutionsbiologen ein. Leider sah dieser in der Gender-Forschung eine Verschwörung. Für ihn determiniert die Evolution die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft.

In diesen Situationen zeigt sich ein zentrales Problem unserer Gesellschaft. Die Welt wird immer komplexer. Hoffmann machte dies am Beispiel eines Automechanikers deutlich: Früher konnte dieser ein Auto noch bis ins letzte Detail verstehen. Bei modernen Autos ist dies schwieriger, die Technik ist deutlich komplexer geworden. Generell ist Wissenschaft inzwischen in allen Bereichen vertreten. Es gibt kaum noch Bereiche, die wissenschaftsfrei sind. Da nicht jeder Mensch alles wissen kann und wenn selbst der Automechaniker die Autos nicht mehr vollständig versteht, entsteht eine starke Abhängigkeit von Expertenwissen.  Hier zeigt sich der Einfluss der Medien – besonders die neuen Medien haben einen starken Einfluss. In sozialen Medien vernetzen sich Skeptiker und Vertreter alternativer Wahrheiten und  bauen ihren Einfluss aus. Ungefiltert verbreiten sie ihre Botschaften an alle, die zuhören.

Doch welche Rolle spielt die Wissenschafts-PR in dieser Situation? Hoffmann bietet hier keine Allheilmittel an. Sie gesteht ein, dass manche Leute nur sehr schwer oder gar nicht mehr zu erreichen sind. Dennoch stellte sie ein paar Strategien vor, die das Vertrauen in die Wissenschaft stärken können. Sie begann mit einer kritischen Beurteilung der Wissenschafts-PR. Diese handle auch postfaktisch, wenn Pressemeldungen übertriebene Ergebnisse  versprechen. In der Vergangenheit war dies nicht so schlimm, denn es gab die Journalisten. Diese waren selbst Fachleute und überprüften jede veröffentlichte Aussage gründlich. Doch der Wissenschaftsjournalismus verliert an Ressourcen. Es gibt weniger Kapazitäten für kritische Betrachtungen. Besonders im Online-Bereich werden öfters einzelne Aussagen oder gar ganze Pressemitteilungen eins zu eins übernommen. Gleichzeitig gibt es in der Wissenschafts-PR immer mehr Akteure, die auch immer professioneller arbeiten.

Wie regiert die Wissenschafts-PR nun auf einen geschwächten Wissenschaftsjournalismus? Die einzelnen Akteure könnten die Schwächung der Kontrollinstanz natürlich ausnutzen, um die eigenen Institutionen so positiv wie nur irgendwie möglich dazustellen. Hoffman ist anderer Meinung. Um das langfristige Ansehen der Wissenschaft nicht zu beschädigen, müsse die PR kritischer gegenüber der Wissenschaft werden und einen Teil der Rolle der Journalisten übernehmen. Die Relevanz einer Meldung darf nicht übertrieben werden. Im Idealfall filtern die PR-Leute Informationen für die Öffentlichkeit nach möglichst objektiven Kriterien und beachten die Leitlinien. Die Wissenschafts-PR muss für Hoffmann „vertrauensvoll handeln, um Vertrauen zu schaffen“.

Das klingt erstmal nicht schlecht, doch ein Aspekt fehlt ihr noch:  Emotionen. In den Beispielen vom Anfang spielen sie eine wichtige Rolle. Die Wissenschafts-PR dürfe sich nicht auf die Vermittlung von Wissen vom „Wissenden zu nicht Wissenden“ beschränken. Sie muss verschiedene Arten von Diskursen verstehen und moderieren. Manche Menschen reagieren auf bestimmte Botschaften (sehr) emotional oder suchen bewusst den Konflikt. In der Wissenschaft liegt dagegen ein starker Fokus auf Kausalzusammenhängen. Zwischen diesen beiden Welten muss die PR vermitteln können. Was hier funktionieren kann, sind Nähe und Emotionalität. Die Wissenschaftler von der Batterieforschung luden die Anwohner zum Grillen ein und führten sie durch ihr Labor. Außerdem wurde das Labor nachgerüstet. Danach war der Konflikt beigelegt. So ein Ansatz funktioniert natürlich nicht auf allen Ebenen.

Mir hat der Vortrag von Elisabeth Hoffmann sehr gut gefallen. In vielen Punkten stimme ich mit ihr überein. Die Relevanz von Wissenschaft für die Gesellschaft sollte nicht künstlich erhöht werden. Wird ständig der „große Durchbruch“ verkündet, dann führt dies eher zu einer Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Werden hohe Erwartungen geschaffen und nicht bedient, so macht sich Frustration breit. Ein Beispiel dafür wären Fusionsreaktoren. Diese stehen schon seit Jahrzehnten kurz davor alle Energieprobleme der Menschheit zu lösen. Aus ähnlichen Gründen plädieren Böschen et. al. in ihrem Text „Transformation des Wissenssystems“ für eine epistemische Bescheidenheit der Wissenschaft. Die Rolle von Wissenschaft für die Gesellschaft sollte realistisch dargestellt werden, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken.

Julian Flesch

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Alpträume der Wissenschafts-PR

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