Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung „Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis“ von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Evidenz – der ursprünglich englische Begriff für einen Beweis, welcher im Deutschen noch mit Übersetzungsschwierigkeiten zu kämpfen hat. Obwohl der Terminus in der Forschungslandschaft zum Inventar gehört, herrscht zwischen den verschiedenen Disziplinen kein Konsens darüber, was Evidenz konkret bedeutet und was gegeben sein muss, um diese zu erreichen. Weitere Schwierigkeiten des Evidenzbegriffs und das Konzept der Evidenzbasierung nahm Christoph Koch im Kontext des Medizinjournalismus bei seinem Vortrag „Evidenz, Faktizität und Geltung im Medizinjournalismus“ in den Blick. Koch illustrierte die postfaktische Berichterstattung und plädierte dabei für einen Journalismus, der seine Fähigkeit der datenbasierten Recherche zurückgewinnen muss.

Christoph Koch begann mit einem grundlegenden Einstieg zur postfaktischen Strömung und dem Grundkonflikt, dass die Rezipienten infrage stellen, ob es sich bei journalistischen Publikationen um wahrhaftige Aussagen handelt. Er erläuterte die Konfliktlinien, welche sich seiner Ansicht nach im derzeitigen Journalismus abzeichnen. Zunächst ging er auf die in den Fokus rückenden Identitätsdiskurse ein und auf das Bedürfnis der Rezipienten, emotional angesprochen zu werden. Des Weiteren thematisierte er das Phänomen der Komplexitätsleugnung und damit den Trend, Probleme als leicht lösbar zu deklarieren. Außerdem führt er den naiven Realismus an, womit er das Vorgehen meint, Dinge ohne Zwischenstufen pauschal als richtig oder falsch einzuordnen.

Anschließend ging Koch auf den Begriff der Evidenzbasierung ein, der ursprünglich aus dem medizinischen Kontext stammt. Er definierte evidenzbasiert als „das beste verfügbare wissenschaftliche Wissen unter Beachtung der Werte des Betroffenen in die Versorgung einzelner Patienten einzubringen“. Damit handelt es sich um eine funktionsorientierte Herangehensweise, da nach Koch die zentrale Frage lautet: Ist es für den Patienten beziehungsweise für den Leser von Nutzen? Zusätzlich betonte er, dass es sich folglich um keine rein wissenschaftliche Methode handelt, sondern Evidenzbasierung immer mit einer Werteorientierung verbunden ist. Er erläuterte außerdem, wie sich der Begriff verselbstständigte und von der Medizin über den allgemeinen Wissenschaftsjournalismus bis in den Politikjournalismus gelangte. Dort wurde der Terminus allerdings immer diffuser, woran laut Koch ein Übersetzungsfehler des Wortes Evidenz schuld ist. Dadurch wird Evidenzbasierung fälschlicherweise mit Empirie synonym verwendet. Koch beschreibt in diesem Zusammenhang eine Verschiebung, welche dazu führt, dass Fragen unter dem Aspekt der Evidenzbasierung behandelt werden, welche dieses Instrument gar nicht benötigen und gleichzeitig interessante Themen nicht in diesem Kontext untersucht werden.

Plakat Ringvorlesung 4

Im Folgenden beleuchtete Koch die postfaktische Berichterstattung am Beispiel der Masernepidemie in Berlin im Jahr 2014. Da sich die Journalisten lediglich auf einzelne Aspekte wie die Impfdebatte fokussierten, inszenierten sie dadurch eine Wirklichkeit, welche sich in den Daten nicht widerspiegelte. Einen weiteren Beleg für die postfaktische Berichterstattung führte Koch mit dem Brexit und dem US-Wahlkampf an. Er argumentierte, dass die Überzeugungsstrategien in beiden Fällen in zahlreichen Aspekten wie Zielgruppe und medialem Auftritt nahezu identisch waren, jedoch völlig entgegengesetzte Ziele verfolgten.

Abschließend gab Koch einen Ausblick, was Journalisten tun können, um evidenzbasiert vorzugehen. Dabei argumentierte er unter anderem gegen Haltungslosigkeit und damit gegen eine mögliche Objektivität im Journalismus. Entscheidend ist ihm zufolge Meinungen bewusst einzusetzen und mit diesen offen umzugehen. Gleichzeitig betont er, wie wichtig es ist, ausgewogen, unter Einbezug aller Informationen zu berichten und beispielsweise bei einer Studie auch zu erwähnen, was diese nicht liefern kann.

Christoph Koch hat in seinem Vortrag erfolgreich journalistische Praxis mit theoretischen Grundlagen verbunden. Er führte allerdings lediglich Negativbeispiele an und erläuterte die postfaktische Berichterstattung in diesem Kontext. Was fehlte, war ein Fall mit gelungener evidenzbasierter Vorgehensweise. Gerade wegen dem fehlenden Positivbeispiel blieb der Evidenzbegriff und dadurch einige Ausführungen schwer greifbar.

Koch plädiert für einen evidenzbasierten, auf Daten und Fakten beruhenden Journalismus. Dabei bleibt der Aspekt außen vor, dass diese Herangehensweise die Medienlandschaft einschneidend beeinflusst. Zunächst herrscht im Journalismus grundsätzlich ein enges Zeitmanagement. Die Vorarbeit, Daten eingehend zu sichten und zu prüfen, ist zeitaufwendig und verringert somit die Anzahl an Publikationen, welche innerhalb eines gewissen Zeitraums veröffentlicht werden können. Des Weiteren ergibt sich das Problem, dass sich Forschungen rasant entwickeln. In der Wissenschaft ergeben sich laufend neue Erkenntnisse, während ältere wieder verworfen werden. Ganz nach dem Falsifikationsprinzip gilt eine Erkenntnis nur so lange als akzeptiert, bis sie widerlegt wird. Der Journalismus hat folglich mit der Schwierigkeit zu kämpfen, ständig die Aktualität und Gültigkeit von Fakten zu hinterfragen. Außerdem gibt es durchaus Bereiche, die (noch) keine fundierten Daten aufweisen, an welchen die Öffentlichkeit dennoch Interesse hat. Findet Berichterstattung ausschließlich auf Basis von harten Daten und Fakten statt, könnte der Journalismus aufgrund des zusätzlichen Aufwandes wahrscheinlich nicht mehr im selben Umfang existieren, wie er es aktuell tut. Bei der Forderung nach Evidenzbasierung muss dabei folglich im Blick behalten werden, dass dies die globale Medienlandschaft in ihrer Struktur und ihrem Ausmaß maßgeblich beeinflusst. Es stellt sich die Frage, was zu bevorzugen ist: Ein postfaktisches aber stark ausgeprägtes Mediensystem oder ein kleinerer Rahmen an Berichterstattungen, welche dafür auf Fakten beruhen?

Gina Frederick

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Journalismus auf dem Prüfstand

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