Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung „Gefühlte Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus Forschung und Praxis“ von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Die Debatte rund um „alternative Fakten“ sei keinesfalls neu: Sie bestehe schon seit über 150
Jahren. Das war eine der Thesen, mit denen Stefan Scherer seinen Vortrag bei der
Ringvorlesung begann. Prof. Dr. Stefan Scherer lehrt am Institut für Germanistik des KIT und
versprach eine Rekonstruktion der Geschichte der Wissenschaftspublizistik bis in die heutige
Zeit in fünf Kapiteln. Er begann mit einer Exkursion zum Begriff der Populärkultur, erläuterte
dann chronologisch die Entwicklung von ersten Gehversuchen in Kulturzeitschriften und
Rundschauen bis zur Rhetorik der neuen Wissenschaftskommunikation, die er anhand der
Darwinismus-Debatte illustrierte. Zum Abschluss kam Scherer zurück auf die Frage, wie
schon im 19. Jahrhundert postfaktische Geltungsansprüche entstanden und referierte
Nietzsches Theorie über Sprache und Lügen.

Illustration aus "Die Gartenlaube"
Titelblatt der ersten Ausgabe von „Die Gartenlaube“, 1853


Die Popularisierung von Wissenschaft ging in Deutschland Hand in Hand mit dem
illustrierten Familienblatt (etwa „Die Gartenlaube“). Um 1850 erlaubten
Bevölkerungswachstum, Lesefähigkeit und das Postsystem als notwendige Infrastruktur die
neue Publikationsform, die die Unterhaltung in den Vordergrund stellte. Außerdem erhob sie
den Anspruch, ein Blatt „für alle“ zu sein – und prägte damit das Konzept der Populärkultur.
Wichtig ist hier, dass der Begriff „populär“ nicht unbedingt mit einer negativen Konnotation
gelesen werden muss – bei Zeitgenossen steht der Begriff für einen Anspruch an
Verständlichkeit und wird inflationär gebraucht. Mit dieser Formel erreichte die Gartenlaube
eine zuvor unvorstellbare Auflage von 382.000 Exemplaren. Parallel etablierten sich auch
Rundschau-Blätter mit der Spezialfunktion eines Überblicks, diese behandelten ebenfalls ein
großes Themenspektrum, allerdings mit einem Fokus als „Bildungspresse“. Schon hier
entwickelt sich also eine Tendenz der Trennung von Alltags- und Hochkultur, also ein „Wir
sind das Volk!“ gegen die Eliten.

Sich immer weiter spezialisierende Fachzeitschriften (etwa das „Polytechnische Journal“)
machen eine Nische in der Medienlandschaft frei, die solche Kulturzeitschriften mit ihrer
Überblicksfunktion füllen können. Die steigende Komplexität wissenschaftlicher
Erkenntnisse und die Ausdifferenzierung der Disziplinen führt aber auch zu einem
Legitimationsdruck gegenüber dem Bürgertum. Als (finanzielle und politische)
„Trägerschicht“ fordere es einen Rücktransfer der Erkenntnisse. Mit dem wissenschaftlichen
Essay, das sich als „Mittelding zwischen Gelehrsamkeit und Literatur“ positioniert, entsteht
in diesem Umfeld laut Scherer eine neue Textform – diese Essays werden häufig von
Forscher*innen selbst geschrieben. Wissenschaftliche Debatten spiegeln sich nun in
publizistischen Organen, und so finde laut Scherer später auch der Darwinismus einen
reichhaltigen Nährboden in dieser neuen Darstellungsform: Weil neue Formate (z.B. die
Rundschau) die Grenzen zwischen den Disziplinen wieder lockerten und eine Offenheit für
unterschiedlichste Themen mit sich brachten, erlaubten diese einer solchen Theorie, die
Grenzen ihres Fachbereichs zu überschreiten. Außerdem setzt die Integration literarischer
Ansprüche neue Prioritäten, so ist etwa die „Survival of the fittest“-Formel vor allem eine
eingängige Metapher mit pompöser Rhetorik, die wissenschaftliche Schlüssigkeit bleibt
zweitrangig. Die Kulturzeitschrift wird in Scherers Schilderung so zum Austragungsort eines
Konflikts zwischen Wahrheit und Weltanschauung.

Plakat Ringvorlesung Scherer

Abschließend beleuchtet Stefan Scherer noch einen zentralen Konflikt in der Kommunikation
von Wahrheiten, angelehnt an Friedrich Nietzsches „Über Wahrheit und Lüge im
außermoralischen Sinn“: Bei Nietzsche ist Wahrheit eine Illusion, insbesondere die Sprache
kann sie niemals in ihrer Gesamtheit ausdrücken. Um diese These zu illustrieren, bezieht
sich Scherer auch auf Ernst Haeckel und seine „Kunstformen der Natur“ – Zeichnungen, die
kaum einem wahrhaftigen natürlichen Zusammenhang entsprechen, sondern vielmehr auf
unterschiedlichste Arten gesehen werden können – also laut Scherer alternative
Wahrnehmungen ermöglichen.

Wer Scherers Vortrag gehört hat, könnte nun zu dem Schluss kommen, dass die Debatte um
„Fake News“, Lügenpresse und das postfaktische Zeitalter nicht etwa eine neue Entwicklung
ist, sondern tatsächlich schon seit den 1850ern besteht. Seine Betrachtung ließ aber für mich
eine wichtige Wandlung der Medien aus: Wir leben heute in einer Welt, in der
Kommunikation vor allem in sozialen Netzwerken stattfindet. In klassischen
Publikationsformen, in denen Wissenschaftler*innen selbst schreiben oder Journalist*innen
ausführliche Recherchen unternehmen können, funktioniert die Dichotomie aus Wahrheit
und Weltanschauung vermutlich nach anderen Mechanismen als in den Filterblasen des
Internets. Gerade diese geänderten Umstände sind zentral in der aktuellen „Fake News“-
Debatte.

Die Geschichte des Zweikampfs zwischen Ernst und Unterhaltung zu kennen und den
Vermittlungskonflikt zwischen „populären“ und „avantgardistischen“ Strukturen zu
berücksichtigen, ist definitiv wichtig. Trotzdem lässt sich die Allgegenwärtigkeit von Lügen
und Täuschung in der heutigen Medienwirklichkeit nicht ohne die politischen,
gesellschaftlichen und auch ökonomischen Faktoren erklären: Zeitungsverlage sind knapp
bei Kasse, während virale Lügenseiten ganze mazedonische Kleinstädte finanzieren1. Auch
Facebook und Co. werfen neue Fragen auf, etwa zu Reputation und Legitimation: Wenn alle
Empfänger*innen gleichzeitig auch zu Sender*innen werden, wirkt dann die Legitimation
von Expert*innen genau wie in einem klassischen Medium, in dem eine ausgewählte Elite
schreibt? Oder vertrauen Nutzer*innen durch diese Mechanismen etwa eher ihrer Familie
und persönlichen Bekannten? Eine große Frage bleibt, inwiefern die geschilderten
historischen Mechanismen, aber auch die genannten Theorien mit diesen geänderten
Umständen ihre Geltung behalten.

1 Ladurner, Ulrich: Stadt der Lügner. In: DIE ZEIT, Nr. 52/2016. URL: http://www.zeit.de/2016/52/fake-newshersteller-unternehmen-mazedonien (Zugriff: 28.05.17)

Kai Wieland

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Der Ursprung populärer Wissenschaftskommunikation

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