Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Rahmen der Ringvorlesung “Gefühlte
Wahrheiten? Wissenschaftskommunikation und der „Fakten-Diskurs“ – Beiträge aus
Forschung und Praxis” von Annette Leßmöllmann und Christiane Hauser. Die
teilnehmenden Studierenden besuchen die WMK-Ringvorlesung 2017 und schreiben
Veranstaltungskritiken zu den Vorträgen. Eine Auswahl davon wird hier mit
Zustimmung der Autor*innen veröffentlicht.

Mein Bauchgefühl begeht nach diesem Vortrag Verrat an sich selbst und sagt: „Benutze
deinen Verstand!“. Dem Konflikt zwischen Bauch- und Kopfentscheidungen widmete
sich Psychologe Markus Knauff von der Universiät Gießen im Rahmen
der Ringvorlesung. Mit seinem Vortrag über „Vernunft oder Bauchgefühl – Neue
Ergebnisse der Rationalitätsforschung“ liefert er ein Plädoyer an die Rationalität, und
ein Werkzeug, um sich gegen das oft trügerische Bauchgefühl durchzusetzen.

Wie treffen Menschen situationsbedingt Entscheidungen? Aufgrund rationaler
Schlussfolgerung, gemessen an normativen Prüfstandards? Oder ganz subjektiv aus dem
Bauch heraus? Kognitionsforscher und Psychologe Markus Knauff legt seine Ansichten
dazu anhand von drei Thesen offen. Zu erörtern, was ‚rational‘ eigentlich bedeutet, sei
dabei der erste Schritt. Komplexe Denkaufgaben mit Logik zu lösen fällt uns spontan
schwer. Im Alltag funktionieren rationale Entscheidungen dagegen viel besser: die
sogenannte Handlungsrationalität bringt uns hier effizient ans Ziel. Zwischen ihr und
der Epistemischen Rationalität, also der Logik, mit der wir Argumente prüfen und neues
Wissen generieren, müsse darum unterschieden werden. Aufgrund dieser, oft nicht
bedachten, Differenzierung sei eine Trennung in rationales und irrationales Handeln
manchmal nicht einfach.

Knauffs zweite These knüpft hier an: Menschen können
durchaus zwischen rational und irrational unterscheiden. Einerseits würden
Bauchentscheidungen heute regelrecht beworben, beispielsweise in der
Ratgeberliteratur. Ihre Popularität resultiere jedoch aus der missachteten
Unterscheidung zwischen den zwei Arten der Rationalität. Von Intuition geleitete Politik,
Populismus und Probleme der „postfaktischen“ medialen Berichterstattung seien die
Folge. Andererseits zeigen kognitionspsychologische Studien, dass die spezifische
Aktivität von Hirnarealen in Entscheidungssituationen durchaus auf einen Konflikt von
Bauchgefühl und rationalem Verstand hinweist. Die rationale Antwort auf ein Problem
wäre ständig verfügbar, sie wäre jedoch oft vom Bauchgefühl unterdrückt. Knauffs
Standpunkt wird in seiner dritten und letzten These deutlich: Der Mensch sei rationaler
als gedacht. Vor allem im Umgang mit Medien wären dafür unterstützende Werkzeuge
nötig. Ein solches präsentiert Knauff in Form von „10 Tipps zum rationalen Umgang mit
Informationen aus Medien […]“, die das Erkennen und Umgehen verbreiteter Denkfehler
und kognitiver Verzerrungen in medialen Angeboten erleichtern sollen. Zum Beispiel
bezeichnet der framing-Effekt den Einfluss der spezifischen Wortwahl auf die
Interpretation der rezipierten Information. Übe man das Erkennen solcher Fehler, so
schule man dadurch seine rationale Denkleistung, meint Markus Knauff.

Plakat Ringvorlesung 1

Die Liste scheint lang zu sein: Mindestens zehn Denkfehler – und das nur im Umgang
mit Medien. Anscheinend fallen wir ständig auf Manipulation und Verzerrung herein –
unbemerkt, leichtgläubig, irrational. Warum also sind wir nach Knauff rationaler, als wir
denken? Die angeführten Fälle offensichtlichen Versagens der Rationalität
widersprechen schließlich seiner These. Dazu kommt noch der ausführlich erörterte
Hype um Bauchentscheidungen und Intuition. Ganz im Gegenteil scheint es, als wären
wir nicht rationaler als wir denken – zumindest noch nicht. Markus Knauff scheint das
ändern zu wollen. Er verfolgt eine klare Agenda: Rationalität sei wünschenswert und
sollte gefördert werden. Diesen Standpunkt machte der Referent in Vortrag und
anschließender Fragerunde nur allzu deutlich: Eine klare Absage an das Bauchgefühl. In
der Diskussionsrunde wurde dementsprechend kritisch hinterfragt: Gibt es überhaupt
„gutes Bauchgefühl“ und wie verhält es sich zu fehlleitendem Bauchgefühl im Falle der
Denkfehler? Die eher einseitige Argumentation und die fehlende Trennschärfe der
Begrifflichkeiten sorgten teilweise für offene Fragen und Verständnisprobleme im
Dialog mit dem Publikum.

Knauffs Vortragsstil machte seinen Beitrag dennoch lebendig: Die Beispiele waren
zahlreich, die Struktur interaktiv, die Sprache verständlich. Forschung eben anschaulich
kommuniziert. Auch thematisch knüpfte der Vortrag an Wissenschaftskommunikation
an. Hinsichtlich der Informationsflut in den Online-Medien betonte Knauff
beispielsweise die Relevanz einer rationalen Selektion von Inhalten durch den Nutzer.
Normative Standards im Online-Journalismus könnten Verzerrungen vorbeugen und die
Auswahl erleichtern. Mit seinen zehn Tipps zum Erkennen von Täuschungen will er
einen praktischen Beitrag leisten. Als Hilfestellung, zumindest für die angehenden
Wissenschaftsjournalisten und –journalistinnen im Plenum, sollen sie für erfolgreiche
und faire Kommunikation sensibilisieren. Ein kleines Geschenk an sein Publikum, und,
ganz nebenbei, ein Schubs hin zu mehr Rationalität.

Ganz gleich, ob sein feuriger Appell an die Rationalität nun seinem Bauchgefühl oder
einem logischen Schluss entsprang – Markus Knauff machte seinen Standpunkt auf
anschauliche Weise klar: Unter dem populären Bauchgefühl schlummert ein rationaler
Verstand, den es hervorzukramen und einzusetzen gilt. Der Psychologe liefert zugleich
das passende Werkzeug mit den „10 Tipps für den irrationalen Mediennutzer“.
Täuschungen zu erkennen und deren Effekte zu bedenken ist auch Aufgabe von
Wissenschaftskommunikatoren. Markus Knauffs Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung
hat diese Verantwortung wieder ins Gedächtnis gerufen. Man muss sich öfters bewusst
machen, dass Medien ihre eigene Realität vermitteln – eben nur „gefühlte Wahrheiten“.

Birte Wirth

 

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Der Verstand – das neue Bauchgefühl?
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