Studierende des PR-Schwerpunkts im Master WMK haben sich im vergangenen Semester mit der Öffentlichkeitsarbeit in der Paläoanthropologie beschäftigt. In einem Workshop zum Semesterende brachten sie ihre Ergebnisse zusammen und diskutierten darüber. Ein gelungener Abschluss fand sich im Rahmen einer Exkursion ins Senckenberg Museum, wo sie ihre Erkenntnisse um die reichhaltigen Erfahrungen von Sektionsleiter Prof. Dr. Friedemann Schrenk erweitern konnten. Für seine Besucher öffnete der Paläoanthropologe sogar den feuerfesten Schrank. Die Fossilien darin sind Millionen Jahre alt. Masterstudent André Weiß berichtet von dem Besuch und den Ergebnissen des Workshops.

Masterstudierende am Senckenberg Museum
Die Studierenden unseres PR-Schwerpunkts mit Professorin und Dozentin Annette Leßmöllmann vor dem Senckenberg Museum (Foto: Erk Singerhoff)

Friedemann Schrenk holte die Gruppe im Foyer des Senkenberg Museums ab und kam ohne eine ausführliche Vorstellung gleich zur Sache. Ein zügiger Marsch durch die Ausstellungen, um viele Ecken, Treppen hinab und hinauf, durch einen langen Gang mit großen Abzügen von Fotos, die Grabungsorte in Afrika zeigen, führte schließlich zum sogenannten „Knowledge-Center“ – einer Mischung aus Bibliothek, Tresorraum und Besprechungszimmer. Dort nahmen alle um einen länglichen Tisch herum Platz. Noch bevor der Paläoanthropologe zu sprechen begann, öffnete er einen der fünf großen Tresorschränke und holte einen massiven Koffer heraus. Dieser Koffer sei das erste, was er im Notfall aus dem Museum heraus und an einen sicheren Ort bringen würde. Wenn das Fernsehen vor Ort gewesen wäre, wären natürlich weiße Handschuhe zum Einsatz gekommen, so Schrenk, aber an diesem Tag holte er ein Fossil nach dem anderen mit den bloßen Händen aus dem Kasten und platzierte sie prominent in der Mitte des Tisches. Alle Anwesenden blickten gebannt auf die vielen Knochenteile, die vor Millionen Jahren mal zu einem lebendigen Menschen gehört haben müssen. Derweil lauschten alle den Worten des Paläoanthropologen, der gar nicht erst auf Fragen wartete, sondern gleich das erste Statement abgab:

Friedemann Schrenk mit Metallkoffer
Friedemann Schrenk öffnet den Fossilien-Koffer aus dem Tresor (Foto: Vanessa Laspe/André Weiß)

Die Arbeit in der Paläoanthropologie beruhe auf einer Fülle von Annahmen, die alle abhängig vom Weltbild der Forscher seien, stellte Schrenk klar. Die eine Wahrheit gebe es im Grunde genommen nicht, auch weil sich der Stammbaum ständig verändere. Neue Funde von Fossilien und ihre Interpretation durch die Forscher würden ständig neue Fragen aufwerfen. Schrenk machte damit gleich eins klar: die Ergebnisse der Paläoanthropologie hingen stark von den Akteuren ab, die sie aufstellten.

Workshop wirft viele Fragen an die Paläoanthropologie auf

Mit der Frage danach, wie diese Akteure die Öffentlichkeitsarbeit in der Paläoanthropologie beeinflussen und damit den Verlauf der Forschung selbst veränderten, befasste sich auch der Workshop an den beiden vorausgegangenen Tagen. Als Untersuchungsmaterial dienten die Funde von Australopithecus sediba und Homo naledi, die Paläoanthropologe Lee Berger 2010 und 2013 in Südafrika entdeckte. Anhand der zwei Fallbeispiele erarbeiteten sich die Studierenden über das Semester einen Überblick über die multidisziplinäre und damit schwer zugängliche Paläoanthropologie – und formulierten viele Fragen: Welche Disziplinen sind überhaupt an der Paläoanthropologie beteiligt und wie läuft der Forschungsprozess in der Regel ab? Wird er zum Event gemacht? Welche Rolle spielt dabei der einzelne Forscher? Welche die Öffentlichkeitsarbeit und die Medien?

Schnell war klar, die komplizierte und schwer zugängliche Paläoanthropologie stellt eine Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation dar – und viele der Fragen ließen sich nur schwer beantworten. Dennoch gab es auch einige Erkenntnisse: Der Blick auf den Twitteraccount der Rising-Star-Expedition, bei der die Fossilien von Homo naledi geborgen worden waren, zeigte etwa, dass versucht worden war, den Forschungsprozess zu eventisieren. Die Resonanz war jedoch gering – bei der zweiten Expedition blieb @RisingStarExped stumm. Inhaltsanalysen der Berichterstattung zeigten außerdem, dass sich Hypes aus den Pressemitteilungen teilweise auch in den journalistischen Beiträgen niederschlugen und eine frühe PR-Arbeit die Darstellung des Forschungsprozesses in den Medien beeinflusste. Zuletzt wurde auch deutlich, dass im vorliegenden Fall Lee Berger als Expeditionsinitiator und -leiter in vielen Beiträgen eine zentrale Rolle einnahm und sich gerne mit den Fossilien in Szene setzte.

Eine zu zentrale Rolle?

Ist Lee Bergers Rolle in der Berichterstattung zu zentral? Diese Frage trugen die Studierenden auch mit nach Frankfurt und diskutierten sie mit Friedemann Schrenk. Er beschrieb die Lage in der Paläoanthropologie so, dass es natürlich verschiedene Typen im Fach gebe, die alle ihre ganz spezifischen Qualitäten hätten. Der eine sei der Beste, wenn es um morphologische Untersuchungen gehe, der andere, wenn geologischen Analysen gemacht werden müssten. Lee Berger sei vor allem stark darin sich und die Paläoanthropologie gut zu verkaufen – was Schrenk zufolge auch wichtig sei, zentrale inhaltliche Fragen jedoch oft in den Hintergrund rückte.

Schädelfragmente, Zähne und andere menschliche Fossilien (Foto: Vanessa Laspe/André Weiß)

Sich und sein Fach zu verkaufen, leistet Schrenk auf andere Weise als Berger. Zwar kam die oben beschriebene Vorführung der Fossilien im Senkenbergmuseum einer Inszenierung im Bergerschen Sinne nahe, allerdings wurde auch klar, dass Schrenk einen anderen Blick auf die Fossilien innehat: Er sieht sie nicht als Statussymbol, sondern ist überwiegend an der durch sie zu gewinnenden Erkenntnis interessiert. Das wurde deutlich, als er beschrieb was die Faszination der Paläoanthropologie für ihn ausmache: Sie liege in der Ergründung der biokulturellen Diversität. Schrenk möchte verstehen, wieso das Leben auf der Erde heute so ist, wie es ist. Moderne Medien gäbe es heute nicht, wenn Urmenschen nicht begonnen hätten, Ereignisse auf Höhlenwänden festzuhalten, hoch entwickelten Fischfang gäbe es nicht, wenn nicht vor hunderttausenden Jahren damit begonnen worden wäre. Jede kulturelle Errungenschaft der Neuzeit habe ihren Ursprung in der Menschwerdung und die fand, wie Schrenk zufolge vielen nicht bekannt ist und wie der Paläoanthropologe immer wieder betonte, in Afrika statt.

Rassismus in der Paläoanthropologie

Damit machte er auf ein weiteres Problem des Faches aufmerksam. Lange Zeit war die Paläoanthropologie geprägt von Rassismus. Mit der Beschreibung der Fossilien ging immer auch eine soziale Beschreibung der zugehörigen Menschen einher. Über dreihundert Jahre lang wurde die Wiege der Menschheit in Europa gesehen. Diese Annahme beförderte, dass der europäische Mensch als klüger und fortgeschrittener charakterisiert wurde, als andere Menschen – der Rassismus wurde damit durch die Paläoanthropologie begründbar. Heute verändert die Tatsache, dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt vor allem das afrikanische Weltbild. Die Fossilien sind zum Identitätsmerkmal geworden und prägen das Selbstbild. Diese Erkenntnis mündet jedoch nicht unbedingt in einer kollektiven afrikanischen Identität. Häufig unterstützten die Funde vor Ort nationale Konflikte.

Masterstudierende und Friedemann Schrenk im Konferenzraum
Schrenk diskutiert mit den Studierenden über Forschung und PR in der Paläoanthropologie (Foto: Vanessa Laspe/André Weiß)

Eurozentrisches Weltbild in den Medien

Die eurozentrische Sicht auf die Fossilien sei Schrenk zufolge in der Forschung mittlerweile nicht mehr verbreitet. Er beklagte jedoch, dass sie sich in der Berichterstattung immer noch niederschlägt, weshalb er sein Engagement in den Medien stark reduziert habe. Früher war er selbst häufig in Berichten vertreten, heute lehne er viele Anfragen ab. So berichtete der Paläoanthropologe von einer Anfrage an einer Expedition teilzunehmen, die mit der Kamera begleitet werden sollte. Dazu sollte er ein ausschließlich deutschsprachiges Team zusammenstellen, damit alle Konversationen in deutscher Sprache ausgestrahlt werden könnten, ohne übersetzt werden zu müssen. Schrenk lehnte die Anfrage ab, da sie nicht seiner Forschungspraxis und seinem Weltbild entsprach. Seine Ausgrabungen fänden immer in Kooperation mit Forschern vor Ort statt, weshalb sein Team meist zu einem Großteil eben nicht aus Europäern bestehe. Der einseitige Blick vieler Medienberichte auf die Forschung in der Paläoanthropologie ärgere ihn, weil er an eine Denkweise der Kolonialzeit erinnerte.

In der Sonne forschen – Expeditionen sind Schrenks Anreiz

Dass Anreize für seine Forschung immer aber auch das Reisen und die Arbeit in der Sonne Afrikas sind, streitet Schrenk nicht ab. Der Forschungsprozess in der Paläoanthropologie sei sehr vielfältig und biete durch die Expeditionen viel Abwechslung. In der Sonne zu arbeiten sei für Schrenk eine gute Motivation zu forschen. Die Forschung laufe dementsprechend auch nicht immer von vorne bis hinten durchgeplant, strukturiert und hypothesengeleitet ab. Es komme durchaus vor, dass einfach erst einmal gegraben wird, um des Grabens Willen. Eine zum tatsächlichen Fund passende Hypothese lasse sich auch nachträglich noch aufstellen. Darin sieht der Paläoanthropologe keinen Widerspruch zum guten wissenschaftlichen Arbeiten. Schließlich lebe die Paläoanthropologie von den Funden, ohne sie wäre alles ohnehin nur Spekulation.

Fossilien wie dieser Kiefer haben ein oder zwei Millionen Jahre überdauert (Foto: Florian Giek)

Welche Wirkung tatsächlich von den Funden ausgeht, das wurde beim Besuch im Senkenbergmuseum zum Abschluss auch spürbar. Während des gesamten Gesprächs lagen die Fossilien in der Mitte der Runde stumm auf dem Tisch, bis sich schließlich jemand traute zu fragen, „Dürfen wir sie auch einmal in die Hand nehmen?“.  Schrenk stimmte zu und nach und nach griffen die Hände nach dem ein oder anderen Knochenteil oder nach ein paar der ausgelegten Zähne. Vorsichtig wurden die Gegenstände betastet und näher betrachtet. Das Gefühl etwas in den Händen zu halten, dass vor ein bis zwei Millionen Jahren mal zu einem lebendigen Menschen oder einem Vorfahren der Menschen gehört haben muss, ist kaum zu beschreiben. Auf jeden Fall wurde in diesem Moment aber spürbar, warum die Forscher in der Paläoanthropologie mit einem solchen Enthusiasmus von ihren Funden sprechen. Die emotionale Reaktion darauf, einen menschlichen fossilen Fund zu berühren, machte eine Besonderheit der Wissenschaft Paläoanthropologie nachvollziehbar und unterstrich damit auch die Bedeutung guter Wissenschaftskommunikation in dieser Disziplin.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus Workshop und Exkursion war damit abschließend: Gute Wissenschafts-PR kommt nicht um eine tiefgehende Kenntnis der und einen gleichermaßen kritischen Blick auf die Akteure und Forschungsgegenstände, über die berichtet wird, herum. Sie hat damit immer einen Spagat zwischen subjektiver Begeisterung und objektiver Reflexion zu leisten – eine große Herausforderung.

André Weiß

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
WMK zu Gast bei Paläoanthropologen Friedemann Schrenk
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