Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Lehrredaktion des Wintersemesters 2015/16, in der WMK-Studierende das Magazin Printerest erstellt haben.
Seminarleitung: Cornelia Varwig und Nicolaz Groll

Auf dem Sofa sitzen und in einer Zeitschrift blättern – das ist für Blinde genauso entspannend wie für Sehende, weiß Wolfgang Heiler. Der Leiter der Bezirksgruppe für Blinde und Sehbehinderte in Heilbronn bemängelt jedoch, dass es trotz Behindertenrechtskonvention nicht selbstverständlich ist, dass alle Informationen auch in Brailleschrift zur Verfügung stehen.

Herr Heiler, Sie sind Leiter der Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg e.V. in Heilbronn. Dadurch wissen Sie, dass es eine Vielzahl an Zeitschriften in Brailleschrift für blinde und sehgeschädigte Menschen gibt. Welche Bedeutung haben die Zeitschriften für diesen Personenkreis?

Zeitschriften in Brailleschrift sind eine sehr wichtige Informationsquelle. Es ist ein Genuss, sich die Worte zu erlesen und dadurch die Rechtschreibung nicht zu verlernen.

Nur Gelesenes, hier eben mit den Fingern, bleibt sehr gut in Erinnerung.

Ebenso ist es ein Ausgleich zur Arbeit mit dem PC und der Brailletastatur.

Welches Know-how ist nötig, um eine Zeitschrift für Blinde lesen zu können?

Die Fingerspitzen müssen sensibel sein, die Bedeutung der Punktkombinationen muss man sich gut einprägen und sehr schnell wieder abrufen können. Bei der „Kurzschrift“ kommt erschwerend dazu, dass einzelne Buchstaben oder Kombinationen für ganze Worte stehen.

Wie kann diese Fähigkeit erlernt werden?

In der schulischen Ausbildung für Blinde ist die Brailleschrift im Lehrplan enthalten. Dadurch ist es sehr gut möglich, diese Art zu lesen zu erlernen. Um den PC sicher nutzen zu können, ist es ebenfalls eine Grundvoraussetzung. Ohne Brailleschrift ist es für Blinde fast unmöglich, einen Beruf zu erlernen.

Anders verhält es sich für spät Erblindete, ab circa 40 Jahren. Eine komplette Umschulung kommt da selten in Frage. Dieser Personenkreis kann entweder die Brailleschrift in einer sogenannten Blindentechnischen Grundausbildung oder in Kursen erlernen. Da dies in sehr kurzer Zeit abläuft, ist eine vertiefende und verfestigende Phase nicht bezahlbar. Die Brailleschrift weiter zu üben, bleibt dem Nutzer selbst überlassen.

Wie sollte eine Zeitschrift für Blinde am sinnvollsten aufgebaut sein?

Für Wochen- und Monatszeitschriften sind Ausgaben wie der Stern ein gutes Beispiel. Die Zeitschrift für Blinde ist ein Abdruck der Originalausgabe, nur dass die Bilder entweder nicht enthalten sind oder als Bildbeschreibung eingefügt sind.

Es handelt sich um eine Eins-zu-eins-Informationsquelle, wie sie Sehende genießen.

Die Textteile werden direkt übernommen. Das heißt auch, dass die Brailleausgabe kostengünstig hergestellt werden kann. Grundsätzlich ist es von Vorteil, Zeilen auszugeben, die über die ganze Breite der Seite gehen und nicht in Spalten, wie es in Tageszeitungen der Fall ist.

Werden Zeitschriften in Brailleschrift überhaupt noch in gedruckter Form gelesen oder geht die Tendenz zum Lesen beziehungsweise Anhören am PC?

Es ist sehr entspannend, so wie bei Sehenden auch, ein gutes Buch in die Hand zu nehmen und darin zu lesen.

Blinde sind im Beruf und auch privat sehr oft von der Technik abhängig, da sind gedruckte Zeitschriften und Bücher ein Genuss!

Die elektronische Variante hat ebenfalls ihre Vorteile, da Artikel, Bücher und Recherchen blitzschnell bezogen werden können.

Beim gedruckten Buch oder der Zeitschrift benötigt alles mehr Zeit.

Zeitschriften stehen Blinden zur Verfügung. Wie sieht es mit Tageszeitungen oder allgegenwärtigen Hinweisschildern, wie Preisinformationen im Supermarkt aus?

Da ist es anders. Da sind die Betroffenen entweder ausgeschlossen oder, sofern von ihnen bedienbar, auf den PC angewiesen, um sich zu informieren. Trotz Behindertenrechtskonvention ist es noch immer nicht selbstverständlich, dass alle Infos auch in Brailleschrift zur Verfügung gestellt werden.

Reichen Hörfunk und Fernsehen nicht als Informationsquellen aus?

Die setzen wieder viel technisches Wissen voraus. Ältere Menschen sind oft davon ausgeschlossen. Selbst im Fernsehen ist die Audiodeskription erst durch den Druck von Selbsthilfegruppen ins Bewusstsein der Gesetzgeber gelangt und wird sehr zögerlich umgesetzt.

Ähnlich verhält es sich für Sehbehinderte. Diese benötigen Großdruck oder eine bestimmte Schriftart und einen starken Kontrast, um die Schrift vergrößert mit der Lupe oder besonderen Geräten lesen zu können. Tageszeitungen sind von hochgradig Sehbehinderten überhaupt nicht nutzbar. Bei zum Beispiel einem E-Book hingegen kann sehr gut die Schriftgröße und weiteres verändert werden.

Das Internet ist leider noch immer nicht grundsätzlich auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten und Blinden eingestellt.

Interview: Natalie Blaser

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Print – auch blind
Markiert in:             

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.