Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Lehrredaktion des Wintersemesters 2015/16, in der WMK-Studierende das Magazin Printerest erstellt haben.
Seminarleitung: Cornelia Varwig und Nicolaz Groll

Schwarz auf weiß sind für den Zeitschriftenleser die neuesten Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft abgedruckt. Einem Teil des Leserpublikums geht es anders: Dieses liest mit den Händen. Zu Information und Unterhaltung gelangt es fühlend.

Wenn man genau darauf achtet, findet sie sich überall: Die Punktschrift, auch Brailleschrift genannt. In Fahrstühlen, an Bahnhöfen, auf Hinweisschildern – sogar auf jeder Medikamentenpackung sind die erhabenen Punkte fühlbar. Doch das ist noch nicht alles. Obwohl es dem „normalen“ Bürger kaum auffällt, gibt es in Deutschland neben Büchern auch eine große Anzahl an Zeitschriften, die in Brailleschrift gedruckt werden.

Die speziell für blinde und sehgeschädigte Menschen angefertigten Zeitschriften verhelfen diesen zur Teilnahme an Information und Kultur. Auf den englischen Philosophen Francis Bacon geht der Gedanke „Wissen ist Macht“ zurück, der auch und ganz besonders für Blinde und Sehgeschädigte gilt.

Dass die Brailleschrift eine bedeutende Erfindung ist, zeigt sich spätestens bei den Schätzungen der WHO: Laut dieser leben in Deutschland rund 1,2 Millionen Blinde und sehbehinderte Menschen, weltweit sogar 39 Millionen. Und obwohl viele Computer inzwischen über eine Vorlesefunktion verfügen, sind Blinde im Alltag auf die Brailleschrift angewiesen. Durch sie haben sich die Bildungsmöglichkeiten der sehbehinderten und blinden Menschen deutlich verbessert.

Über Geschehnisse und Hintergründe im Bilde zu sein, erleichtert ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander und bietet Anregungen für Kommunikationsprozesse. So wird dem Gefühl, im kulturellen und politischen Leben ausgeschlossen zu sein, entgegen gewirkt. Denn lange Zeit waren Blinde und Sehgeschädigte auf Sehende angewiesen, wenn Informationen nur in schriftlicher Form vorhanden waren. Die Brailleschrift, die der Franzose Louis Braille vor ungefähr 200 Jahren entwickelt hat, gewährt blinden und sehgeschädigten Menschen den Zugang zu Wissen. Punktförmige Erhebungen werden von den Betroffenen mit den Fingerkuppen ertastet. Indem Zeitschriften in der Brailleschrift publiziert werden, lassen sich Informations- und Kommunikationsbarrieren abbauen, denn die Betroffenen sind so nicht mehr auf die Hilfe von Sehenden angewiesen. Zumindest gelte dies für die Leser, die die Brailleschrift schulisch erlernt haben, sagt Wolfgang Heiler. Er ist Leiter der Bezirksgruppe Heilbronn des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Württemberg e.V. „Für die Blinden, die die Brailleschrift beherrschen, sind Wochen- und Monatszeitschriften eine sehr wichtige Informationsquelle“, meint Heiler.

Vorausgesetzt ist, dass das Leserpublikum von Zeitschriften für Blinde und Sehgeschädigte die Brailleschrift beherrscht. Deshalb seien blinde Menschen, die die Brailleschrift in Voll- oder Kurzschrift frühzeitig gelernt haben, die Hauptnutzer. „Für Senioren ist es zwar möglich die Brailleschrift zu erlernen, aber nur wenige erreichen einen sie befriedigenden Lesefluss“, erklärt Wolfang Heiler.

Weitere Grundvoraussetzung zum Lesen einer Blindenzeitschrift sind sensible Fingerspitzen, um die feinen Punkte zu ertasten. Beim Lesen rufen die Blinden und Sehgeschädigten die Bedeutung der Punktkombinationen ab, die sie sich davor einprägen müssen. Deshalb ist viel Übung nötig – insbesondere, wenn es um das Lesen der Kurzschrift geht, die Abkürzungen verwendet.

Zeitschriften: Gedruckt und digital

Im Zeitalter von Computer und Internet können blinde und sehgeschädigte Menschen Zeitschriften nicht nur in gedruckter Form, sondern auch am Computer lesen. Hierfür verfügt der Computer über eine zusätzliche Ausgabeleiste für Brailleschrift unterhalb der Tastatur. In dieser Leiste wird der Text in Punktschrift fühlbar und ist mit dem Sprachprogramm- Screenreader- über Lautsprecher zu hören

Ein Scanner mit Texterkennung ermöglicht, dass Bücher oder Zeitschriften über die Braillezeile gelesen oder mittels Screenreader vorgelesen werden können. Die technischen Entwicklungen haben also dazu beigetragen, dass Online-Ausgaben von Zeitschriften sowohl für Blinde als auch Sehende zugänglich sind.

Da ist für jeden was dabei

Das Angebot an Zeitschriften für Blinde und Sehgeschädigte reicht von Gesundheit, Literatur und Allgemeinwissen über aktuelle Berichte aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bis zu Zeitschriften speziell für Frauen, Männer und Kinder. Die Anzahl der Anbieter entsprechender Zeitschriften ist ebenso groß. Herausgegeben werden diese unter anderem von der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde (DZB). Im Angebot der Zeitschriften in Brailleschrift der DZB befinden sich Zeitschriften wie das „Gesundheitsmagazin“, das Frauenmagazin „RITA“ oder auch „GEOlino“ für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren. Weitere Zeitschriften werden vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) herausgeben. Regelmäßig erscheinen dort die Verbandzeitschrift Gegenwart, die Jugendzeitschrift die Brücke und weitere Zeitschriften für Blinde. Auch hier wird die Frauenzeitschrift RITA publiziert. Online unter www.blindenbuecherei.de können Blinde und Sehbehinderte viele der genannten und zahlreiche andere Magazin ausleihen. Die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte ist ein weiterer Anbieter, der diverse Zeitschriften und Zeitungen zur Verfügung stellt. Hierzu zählen die bekannten Zeitschriften „Brigitte“, der „Kicker“, der „Fokus“ oder auch der „Spiegel“. Diese können mittels Vorlesegerät oder einer speziellen Software am PC gelesen werden.

Bereits seit 1968 wird die „STERN-ZEIT-Blindenzeitschrift“ in Brailleschrift publiziert. Gründer waren Henri Nannen vom Stern und Gerd Bucerius von der „Zeit“. Die Herstellung und der Vertrieb der Blindenzeitschrift wurden im Jahr 2007 aus Kostengründen eingestellt. Ein Jahr später begann die Kooperation der DZB mit dem Verlagshaus Gruner + Jahr. Seitdem erscheint die Zeitschrift wieder alle zwei Wochen mit einem Umfang von 52 Seiten.

Die „STERN-ZEIT-Blindenzeitschrift“ besteht aus ausgewählten Artikeln der jeweils aktuellen Ausgaben der Wochenzeitschrift „Stern“ und „Zeit“. Sie ist sowohl in gedruckter Form als auch digital per Mail erhältlich. Blinde und sehbehinderte Menschen können sich durch diese Zeitschrift über Hintergründe zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Soziales und Kultur informieren. Zusätzlich bietet die DZB zum Erscheinungstermin des gedruckten „Stern“ den aktuellen Leitartikel als Podcast kostenlos an. Die gedruckte Zeitschrift kann jedoch nicht alle Artikel der Zeit und des Stern enthalten. Der Grund hierfür liegt darin, dass nicht allzu viel Text in Punktschrift im entsprechenden Heftformat untergebracht werden kann. Einige Zeilen eines Artikels übersetzt in die Brailleschrift würden fast eine ganze Seite in der Blindenzeitung füllen. Deshalb gibt es für viele Worte Abkürzungen. Diese müssen erlernt werden, um im Lesefluss nicht ins Stocken zu geraten.

Im Bilde – ohne Bilder

Wolfgang Heiler weiß wie Zeitschriften aussehen, die speziell für Blinde und Sehgeschädigte publiziert werden. Er kennt die Unterschiede zwischen den Zeitschriften für Blinde und Sehgeschädigte und denen für Sehende genau. Heiler erklärt, dass in den Wochen- und Monatszeitschriften für Blinde und Sehgeschädigte die Bilder nicht enthalten oder wenn dann als Bildbeschreibung vorhanden seien. Textteile können direkt übernommen werden aus den Zeitschriften für Sehende wie dem „Sternoder der „Zeit.

Das große Angebot an Blindenzeitschriften ermöglicht Blinden und Sehgeschädigten einen Zugang zu Information und Wissen und unterstützt dadurch deren Integration. Jedoch gibt es noch viele Informationen, von denen blinde und sehgeschädigte Menschen ausgeschlossen sind. Der Grund: Nicht alle Informationen sind – trotz Behindertenrechtskonvention – in Brailleschrift erhältlich. Somit bleiben als Informationsquelle oft nur der Hörfunk, das Internet, das Fernsehen oder Podcasts. „Das setzt technisches Wissen voraus, was älteren Menschen oft fehlt“, erklärt Heiler. Es bleibt einiges zu tun, um den Bedürfnissen der Blinden und Sehgestörten gerecht zu werden.


Entwicklung der Brailleschrift

Mit Hilfe der Punktschrift können nicht nur Worte geschrieben werden, sondern auch Musiknoten, mathematische und chemische Formeln. Diese Möglichkeiten verdanken wir dem Franzosen Louis Braille.

Geboren wurde er 1809 in dem kleinen Dorf Coupvray, in der Nähe von Paris. Louis Braille war der Sohn eines Sattlers und seine Faszination für den Beruf seines Vaters kostete ihn sein Augenlicht. Im Alter von drei Jahren spielte er mit einem spitzen Werkzeug, einer sogenannten Ahle, die verwendet wird, um Löcher in Leder zu stanzen. Dabei verletzte er sich an einem Auge. Die medizinischen Mittel zu der Zeit waren begrenzt, weshalb sich das Auge entzündete. Die darauf folgende Infektion ergriff auch das zweite Auge und führte zur vollständigen Erblindung des Jungen.

Dank der Anstrengungen seiner Eltern durfte er trotzdem mit sieben Jahren die Dorfschule besuchen. Sein Vater brachte ihm die Buchstaben bei, indem er Nägel in Holz schlug an denen er diese ertasten konnte. Drei Jahre später erhielt er ein Stipendium für das „Königliche Institut für junge Blinde“ in Paris, einer der ersten existierenden Blindenschulen.

Das Lernen dort war mühsam. Es existierten nur sehr wenige Bücher mit ertastbaren Buchstaben und im Unterricht wurde nur durch das Zuhören gelernt. Deshalb experimentierte Louis schon früh an einer Blindenschrift. Mit Hilfe der Ahle, die ihm damals das Augenlicht kostete, drückte er Erhebungen in Leder.

Doch sein Durchbruch gelang ihm erst, als er den Militärhauptmann Charles Barbier traf. Dieser besuchte die Schule, um den Schülern die Nachtschrift zu demonstrieren – eine Militärschrift, die auf einem 12-Punkte-System beruht. Der Gedanke hinter der Nachtschrift war es, lautlos knappe Befehle weitergeben zu können. Louis verwendete deren Aufbau als Vorlage und vereinfachte sie. 1825, im Alter von 16 Jahren, entwickelte er das uns noch heute bekannte Blindenalphabet. Louis stellte die Schrift seinen Lehrern und Mitschülern vor und diese waren zunächst begeistert. Das Alphabet war leicht erlernbar und ließ sich mit ein bisschen Übung schnell lesen. Doch als ein neuer Rektor an das Institut kam, verbot dieser die Schrift, da er befürchtete, sie würde die Kluft zwischen blinden und sehenden Menschen noch weiter vergrößern. Einige Schüler lernten die Schrift jedoch heimlich und obwohl sie bessere Leistungen als ihre Mitschüler erzielten, blieb die Schrift jahrelang verboten. Erst 1850, zwei Jahre bevor Louis Braille an einer Lungenembolie starb, wurde die Punktschrift offiziell anerkannt. Danach verbreitete sich die Schrift schnell über die Landesgrenzen hinweg aus.


Alphabet-Aufbau

Bei der Brailleschrift werden die einzelnen Zeichen mittels sechs Punkten dargestellt, die in ihrer Grundform, wie die sechste Seite eines Würfels aufgebaut sind. Zwei Punkte oben, zwei in der Mitte und zwei unten. Damit man den Aufbau der einzelnen Zeichen leichter nachvollziehen kann, sind die Punkte nummeriert. In der linken Spalte stehen von oben nach unten die Punkte 1 bis 3 und in der rechten Spalte ebenfalls von oben nach unten die Punkte 4 bis 6.

Mittels des 6-Punkte-Systems lassen sich 64 verschiedene Zeichen darstellen. Dadurch werden nicht nur alle Buchstaben des Alphabets abgedeckt, sondern auch Zahlen, Sonder- und Interpunktionszeichen.

In der sogenannten Basisschrift wird jeder Buchstabe einzeln geschrieben. Platzsparender ist die Braille-Kurzschrift. Hierbei werden einzelne Silben und Worte durch Kürzel ersetzt, ähnlich wie in der Stenographie. So gibt es zum Beispiel Abkürzungen für einzelne Silben und Wörter. Beispiele hierfür sind: „ein“, „Freund“ oder „-lich“.

Die Kurzschrift ist die gebräuchlichste Form. Da die Abkürzungen viel Platz sparen, wird sie auch im Zeitschriftendruck verwendet. Denn damit ein Blinder die einzelnen Zeichen gut ertasten kann, müssen diese eine gewisse Größe haben – in der Brailleschrift um die 5 bis 8 Millimeter. Dadurch braucht die Punktschrift viel mehr Platz als die der Sehenden. Der erste „Harry Potter“ – Band zum Beispiel umfasst in der Punktschrift vier Bände.


Druck

Heutzutage wird der Schwarzdrucktext nicht mehr per Hand übersetzt. Eine speziell für Blindenschriftherstellung entwickelte Software übersetzt den Text in die Punktschrift. Anschließend wird der übersetzte Text sowohl von einem Sehenden, als auch von einem Blinden kontrolliert, um mögliche Fehlübersetzungen ausschließen zu können. Gedruckt wird die Zeitschrift anschließend entweder mit einem Schnelldrucker oder einer computergesteuerten Punziermaschine. Ein Schnelldrucker druckt die Punkte direkt auf das Papier. Beim sogenannten Punzieren, das Prägen der Punktschrift, wird zunächst eine Druckvorlage aus Zinkblech erstellt. Das bedeutet: Der in die Punktschrift übersetzte Text wird auf die Zinkplatten geprägt. Diese Platten werden in Druckmaschinen gespannt und pressen dann die erhabenen Punkte in das Papier.

Deborah Andres und Natalie Blaser

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
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