Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Lehrredaktion des Wintersemesters 2015/16, in der WMK-Studierende das Magazin Printerest erstellt haben.
Seminarleitung: Cornelia Varwig und Nicolaz Groll

Denis Dilba entwickelte zusammen mit Georg Dahm das digitale Wissenschaftsmagazin „Substanz“. Beide Journalisten hatten schon langjährige Erfahrungen in der Printbranche gesammelt und wollten ein zeitgemäßes Digital-Magazin für Wissenschaftsthemen auf den Markt bringen. Nachdem „Substanz“ ein halbes Jahr online war, wurde es letzten Sommer eingefroren. Warum hat es beim ersten Anlauf nicht geklappt? Wie wird es nun weitergehen?

Denis Dilba (Bild: Helen Fischer)
Denis Dilba (Bild: Helen Fischer)

„Es brennt wieder Licht im Labor“ und Sie möchten einen neuen Anlauf unternehmen – so heißt es auf Ihrer Facebook-Seite. Welche Strategie verfolgen Sie nun für den Start von „Substanz“?

„Es brennt wieder Licht im Labor“ heißt, dass wir an einem Relaunch arbeiten, aber das ist noch ein weiter Weg. Wann es dazu kommen wird, können wir momentan noch nicht sagen.

Wir setzen jetzt jedenfalls auf eine andere Strategie – ein Lerneffekt aus unserem ersten Anlauf. Damals ging die meiste Arbeit in die Produktqualität. „Substanz“ – und das sagen glücklicherweise nicht nur wir selbst – konnte sich sehen lassen. Darauf sind wir auch immer noch stolz. Aber unser Qualitätsanspruch zusammen mit allen anderen mindestens ebenso wichtigen Aufgaben bei einer Gründung hat uns dann förmlich aufgefressen. Das geflügelte Wort in der Start-up-Branche in diesem Zusammenhang ist „bootstrapping“, also „aus eigener Kraft wachsen“. Wir wollen und müssen kleiner anfangen, mehr datengetrieben experimentieren und darauf aufbauen. Ohne eine solide Finanzierung läuft das aber auch nicht. Daran arbeiten wir gerade. Dazu läuft aktuell noch eine Leserumfrage zu „Substanz“. Wir wollen noch genauer wissen, was unseren Lesern gefallen hat und was nicht. Für die große Resonanz kann ich hier schon mal ein großes Danke sagen!

37.176 Euro von 592 Unterstützern, so hat „Substanz“ angefangen. Schon nach einem halben Jahr wurde die Seite eingefroren. Woran ist „Substanz“ gescheitert?

Ich selbst empfinde das gar nicht als gescheitert – habe aber auch kein Problem damit, wenn man es so nennt. Wir sehen das inzwischen eher als Lernphase. Und einfrieren mussten wir „Substanz“ aus dem einfachen Grund: Wir wären sonst in die Insolvenz gerauscht. Das konnten wir abwenden, weil wir unsere Zahlen immer im Blick hatten – was man als GmbH-Geschäftsführer auch machen sollte, weil man sich sonst ganz schnell strafbar machen kann.

Woran es genau gelegen hat? Die Kurzversion: Die Entwicklung hat länger gedauert und mehr gekostet, als wir geplant hatten. Wir haben allein beim Produktionssystem drei Mal bei null angefangen, was zum Beispiel an einem Technik-Dienstleister lag, der viel versprochen und wenig gehalten hat. Dann kann passieren, wenn man etwas komplett Neues versucht in einem Bereich, der sich wahnsinnig schnell entwickelt.

Dadurch hatten wir beim Launch ein sehr dünnes Finanzpolster – und dann sind die Abozahlen zu langsam gewachsen, um die hohen Produktionskosten lange tragen zu können. Wir hätten an der Stelle mehr Manpower, sprich Geld für Marketing und Vertrieb gebraucht. Hatten wir aber nicht. Da wäre es schon besser gewesen, wenn wir mit mehr Leuten gegründet hätten, also mit einem Vertriebs- und einem Technik-Kopf, die sich in Vollzeit um ihre Bereiche kümmern, dann hätten wir weniger Leistungen einkaufen müssen.

Dazu muss man sagen: In „Substanz“ steckt deutlich mehr Geld als nur die Einnahmen aus dem Crowdfunding. Wir haben zusätzlich Kredite aufgenommen und einen Privatinvestor ins Boot geholt. Insgesamt sind wir mit einem sechsstelligen Budget in das Projekt eingestiegen.

Welche Vorteile hat die Finanzierung durch Crowdfunding auf der Plattform Startnext dem Magazin ermöglicht?

Crowdfunding ist viel mehr als reine Geldbeschaffung, das ist gleichzeitig auch Markforschung und PR. Du kannst deine Idee einem breiteren Publikum präsentieren und schauen, ob das einen Nerv trifft oder nicht. Wäre unser Crowdfunding gescheitert, hätten wir unser Projekt nochmal überarbeiten müssen. Stattdessen haben wir sehr viele positive Rückmeldungen erhalten und es ist viel über uns berichtet worden. Das hat die Aufmerksamkeit für „Substanz“ definitiv gesteigert.

Die Medienwelt befindet sich im Wandel. Durch Ihr digitales Magazin wollten Sie sich diesem anpassen. Wann wussten Sie: Jetzt ist es Zeit für „Substanz“?

Nachdem Georg und ich beide das Ende der „Financial Times Deutschland“ und der deutschen Ausgabe des „New Scientist“ hautnah miterleben mussten, haben wir beschlossen: „Jetzt versuchen wir es selbst!“ Gründen erschien uns zudem nicht risikoreicher zu sein, als in einer Redaktion zu sitzen, die dann vielleicht doch wieder dicht macht. Aus unserer Perspektive schien auch alles nach neuen, technisch fortgeschrittenen, internetbasierten, digitalen Formen von Journalismus zu schreien. Dazu gab es bereits viele technische Lösungen. Aber nur in Einzelteilen. Wir wollten aus diesem Puzzle unser eigenes Magazin bauen. Dann folgte eine intensive Diskussionsphase. Wollen wir das wirklich? Ist die Idee gut? Was sagen Branchenkenner, Kollegen und Freunde dazu? Dann haben wir die GmbH gegründet und losgelegt.

Die Substanz-Gründer Georg Dahm und Denis Dilba (Bild: Helen Fischer)
Die Substanz-Gründer Georg Dahm und Denis Dilba (Bild: Helen Fischer)

Immer mehr Medienunternehmen stellen ihre Produkte auf Online um. Doch sind digitale Magazine, E-Books und E-Papers nur ein vorübergehender Trend oder die Zukunft?

Meiner Einschätzung nach wird es ein Nebeneinander von Print- und Online-Magazinen geben. Der Markt für spezialisierte Printprodukte ist da und wächst. Hochwertige Drucke, gutes Papier und natürlich guter Journalismus mit Haltung überzeugen hier. Ich vermute, dass es auch im digitalen Bereich eine Spezialisierung geben wird, zum Beispiel in Form von kleineren Special-Interest-Magazinen. Die Frage, wie sich diese Magazine finanzieren werden, ist aber weiterhin offen. Da suchen alle gerade nach überzeugenden Geschäftsmodellen jenseits der Banner-Werbung.

Ihr Ziel war es, mit Substanz eine Lücke zu füllen und den Wissenschaftsjournalismus neu zu erfinden. Wodurch hat sich Substanz von anderen Wissenschaftsmagazinen unterschieden?

Na ja, „neu erfinden“ wollten wir ihn sicher nicht. Aber ganz klar: einen eigenen Wissenschaftsjournalismus machen. Und das, indem wir einerseits die Möglichkeiten des Internets zur multimedialen Aufbereitung unserer Geschichten konsequent einsetzen und andererseits, indem wir Themen anders auswählen, Geschichten anders erzählen und insgesamt mit einer anderen Tonalität auftreten. Weg vom formal überkorrekten Graubrot-Text, der mit erhobenen Zeigerfinger daherkommt und dir sagt: „Das solltest Du aber wissen!“, hin zu mehr Lockerheit und Humor. Aber eben nicht zu Lasten der Seriosität. Unser Credo war und ist: Den Laien nicht überfordern, den Experten nicht beleidigen.

Und das geht nur über gutes journalistisches Handwerk. Dazu setzen wir den Fokus auf die langen Zeiträume und Prozesse, um die es in der wissenschaftlichen Arbeit geht. Das heißt wir berichten explizit nicht über die brandneue Meldung „Experimental-Medikament gegen eine Unterart von Bauchspeicheldrüsenkrebs in einem Experiment an Mäusen positiv getestet“. Bei uns liest du eher die Geschichte der Forscherin, die seit zehn Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs forscht und die nächsten zehn auch noch daran forschen wird. Wir erzählen, warum und wie sie das tut. Und warum sie das spannend findet. Und warum sie davon ausgeht, dass auch in zehn Jahren noch keine Heilung dafür erfunden sein wird – und trotzdem mit Feuereifer weiterforscht.

Und mithilfe unserer Geschichten kann man dann auch die vielen kleinen Forschungsnachrichten der Kollegen besser einordnen, weil sie die großen Zusammenhäng erklären. Unsere Geschichten ergänzen also den nachrichtlichen Journalismus ideal. Und sie haben eine längere Halbwertzeit. Wir sind nicht tages- oder wochenaktuell, wir orientieren uns eher daran, wie wissenschaftlicher Fortschritt verläuft, und der verläuft langsam. Da sitzen eben nicht ein paar Genies im Elfenbeinturm, denken scharf nach und dann purzelt die Erfindung aus dem Hirn. Das ist keine Hexerei, das ist harte Arbeit, in Teams, über lange Zeit. Und sie macht Spaß. Und das wollen wir rüberbringen, das ist unsere Message an die jungen interessierten Menschen an den Schulen und Unis da draußen ist: Wenn du Wissenschaft spannend findest, trau dich ran!

Was Substanz auch abhebt von anderen Digitalangeboten: Jede dieser Geschichten haben wir mit viel Aufwand individuell gestaltet. Also überlegt: Was braucht diese eine Geschichte? Was möchten wir zeigen? Was möchte der Leser wissen, lesen oder sehen? Unsere Produktion über Schweinespielzeug war beispielsweise bewusst sehr videolastig. Spielende Tiere möchte jeder sehen. Bei anderen Geschichten haben wir erklärende Grafiken mit eingebaut. Oder auch mal nur auf starke Fotos gesetzt. Voraussetzung für den Einsatz der Multimedia-Elemente ist immer: Sie müssen sinnvoll eingesetzt sein und sollen den Geschichten- und Lesefluss nicht unterbrechen. Dass bedeutet, wenn wir ein Video in eine Geschichte einbauen, hat es genau an dieser bestimmten Stelle seine Berechtigung, weil es eine Fortsetzung der geschriebenen Szene davor ist.

All diese Aspekte zusammen– technisch, optisch, inhaltlich – hat so kein anderes Magazin verfolgt.

 Warum sollten sich Menschen für Wissenschaftsjournalismus interessieren?

Wissenschaft ist absolut gesellschaftsrelevant und wird immer relevanter. Ohne eine Ahnung von wissenschaftlichen Zusammenhängen wird man es in Zukunft schwerer haben, politische und gesellschaftliche Prozesse zu verstehen. Daher war es uns auch wichtig mit „Substanz“, Wissenschaft möglichst unterhaltsam zu präsentieren. Damit auch vermeintlich Uninteressierte oder Laien einen Zugang zu der Thematik finden.

Wie können diese Erkenntnisse eine Lehre für die Journalisten von morgen sein?

Die wichtigste Erkenntnis für uns: Man sollte sich trauen, sein Projekt umzusetzen, muss sich aber auch darauf gefasst machen, dass man damit auf die Nase fallen kann. Wichtig ist es, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Die schwierigste Lektion ist einzusehen, dass man selbst etwas falsch gemacht hat und dass man selbst dafür verantwortlich ist. Erst dann kann man sinnvoll analysieren, was genau falsch gelaufen ist und wie es vielleicht besser gehen kann. Wer heute Journalist sein will, muss sich ausgiebig und ständig mit den Möglichkeiten des Internets beschäftigen, sie auch anwenden, auf der Höhe der Zeit bleiben und vor allen Dingen weiterhin großen Wert auf gutes journalistisches Handwerk legen. Denn eine Scheiß-Geschichte bleibt eine Scheißgeschichte, egal ob auf Papier oder Periscope.

Interview: Laura Schmidt

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Es brennt wieder Licht im Labor – Interview mit Denis Dilba von Substanz Magazin
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