Logo der Schwerpunktprogramms "Wissenschaft und Öffentlichkeit"Wissenschaftliches Wissen ist fragil, widersprüchlich und oft komplex. Das ist einer der Kernsätze der Abschlussveranstaltung des DFG-Schwerpunktprogramms „Wissenschaft und Öffentlichkeit“, die vom 29. bis 30.09. in Münster stattgefunden hat. Thorsten Schwetje aus unserer Abteilung WMK hat die Tagung besucht und schildert hier seine Eindrücke.

Ziel des Programms war es, herauszufinden, wie die unterschiedlichen Akteure der Wissenschaftskommunikation – die Produzenten in der Wissenschaft, die Vermittler in den Bereichen Lehre, Journalismus und PR und die zunehmend (gezwungenermaßen?) aktiven Rezipienten in der Öffentlichkeit – auf diese Herausforderungen reagieren. Auf der zweitägigen Abschlussveranstaltung wurde eine Auswahl der Ergebnisse von sechs Jahren Forschungsarbeit zu diesen Fragen präsentiert.

Tweet von Ed Yong zu EntmootEines vorweg: Die Veranstaltung war definitiv kein „Entmoot“, wie Ed Yong es nennt, in dem die immer gleichen Grundsatzfragen zur Wissenschaftskommunikation erneut aufgerollt und in aller Länge durchdiskutiert wurden. Stattdessen wurde aktuelle Forschung präsentiert – „Science of Science Communication“ in Bestform. Verglichen mit den deutlich größeren Veranstaltungen WissensWerte und Forum Wissenschaftskommunikation, die sich zugegebenermaßen auch an ein anderes Publikum richten, war der Anteil an Vorträgen aus den verschiedenen Teildisziplinen der Psychologie und der Bildungsforschung enorm hoch. Unter den Vortragenden waren nur wenige Medien- und Kommunikationswissenschaflter und keine Berufspraktiker. Das führte zu einer deutlich anderen Perspektive auf den Gegenstand Wissenschaftskommunikation, in der weder normative Vorstellungen zu Rolle und Funktion von Wissenschaftskommunikation, noch die wachsenden beruflichen Anforderungen an professionelle Kommunikatoren im Mittelpunkt standen. Stattdessen ging es um die sozialen und psychologischen Rahmenbedingungen erfolgreicher Wissenschaftskommunikation. Diese Aspekte kommen meiner Wahrnehmung nach im deutschen Diskurs innerhalb der Community oft zu kurz.

Leider konnte ich die Podiumsdiskussion zum Thema „Das öffentliche Verständnis von Wissenschaft: Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaftskommunikation“ am ersten Tag nicht besuchen. Gut möglich, dass einige der normativen Fragen dort behandelt wurden. Alle folgenden Eindrücke beziehen sich auf den zweiten Tag der Veranstaltung, an dem einzelne Projektgruppen Teile ihrer Forschungsergebnisse präsentierten. Flankiert wurden die Fachvorträge durch ein Rahmenprogramm aus Kommentaren und einer Mittagsvorlesung von Prof. Dr. Rainer Bromme, dem Koordinator des Schwerpunktprogramms.

Viel Praxis, wenig Forschung

Bromme betonte in seiner Vorlesung, dass wir eine Hochphase der praktischen Seite der Wissenschaftskommunikation erleben. Die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft sei unstrittig, und die verschiedenen Akteure der Wissenschaftslandschaft würden in einer Vielzahl verschiedener Initiativen und Programme die Ergebnisse ihrer Forschung in die Gesellschaft kommunizieren. Die in der Vergangenheit oft als unkommunikativ gescholtenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden zunehmend den direkten Kontakt zur Öffentlichkeit suchen: „Der Elfenbeinturm ist schon lange leer“, so Bromme wörtlich. Dass diese Kommunikation nicht immer reibungslos verlaufe, sei zu erwarten, schließlich hätten Wissenschaftler in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit praktisch einen Migrationshintergrund: Sie seien durch den Prozess der Professionalisierung „aus der Gesellschaft emigriert“, hätten eine andere Sprache und teilweise andere Werte und Überzeugungen angenommen. Das müssten sie sich immer wieder bewusst machen.

Dieser insgesamt positiven Entwicklung der praktischen Wissenschaftskommunikation stehe allerdings noch immer eine vergleichsweise dürftige Forschungsliteratur gegenüber, so Bromme weiter. Die Wissenschaft von der Wissenschaftskommunikation müsse dringend ausgebaut werden, um endlich ein solides theoretisches Fundament zu schaffen. Damit vertritt Bromme eine Position, die so bereits auf den „The Science of Science Communication“-Colloquia der amerikanischen Wissenschaftsakademien 2012 und 2013 geäußert wurde: Wissenschaftskommunikation ist zu wichtig, um sie zu improvisieren, „wingin‘ it“ sei nicht länger eine Option. Bromme nannte auch gleich Themenfelder, bei denen es besonderen Forschungsbedarf gebe: Neben der konsequenten Evaluation bestehender Kommunikationsmaßnahmen und der Beschäftigung mit bürgernahen Dialogformaten fehle vor allem eine repräsentative Surveyforschung. Studien mit großen Stichproben z.B. zu den Einstellungen der Öffentlichkeit zur Wissenschaft allgemein oder zur Bewertung einzelner kontroverser Themen seien, verglichen mit dem englischen Sprachraum, kaum vorhanden. Eine weitere Forschungslücke sei die Wissenschaftskommunikation der Geistes- und Sozialwissenschaften, die bislang kaum erforscht werde.

Bei kontroversen Themen zählen Überzeugungen mehr als Fakten

Besonders anregend waren die Vorträge von Peter Nauroth und Tobias Richter. Bei Nauroth ging es um die Frage, warum besonders bei kontroversen Themen häufig einzelne gesellschaftliche Gruppen die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien ignorieren, die beteiligten Wissenschaftler abwerten oder gleich ganz in Frage stellen, dass die Wissenschaft sich überhaupt angemessen mit dem jeweiligen Thema beschäftigen kann („scientific impotence excuse“). Richter behandelte die Frage, ob die normativ erwünschte neutrale, rationale Verarbeitung gesellschaftlich relevanter wissenschaftlicher Kontroversen („socio-scientific issues“) überhaupt möglich ist.

Die Kernbotschaften beider Projektgruppen lautet grob vereinfacht: Wenn Laien sich mit wissenschaftlichen Kontroversen auseinandersetzen, spielen die Fakten oft kaum eine Rolle. Wichtiger sind bestehende Überzeugungen zum Thema (Richter) und ob die Forschungsergebnisse das Selbstbild oder den Status einer sozialen Gruppe, der sich die Rezipienten zugehörig fühlen, bedrohen (Nauroth). Die rationale Bewertung einzelner Positionen oder auch nur das neutrale Verstehen des Konflikts ist kaum möglich, weil bestehende Einstellungen weitgehend unbewusst und automatisch die Bewertungskriterien verzerren (Richter). Werden die Forschungsergebnisse als Bedrohung der sozialen Identität wahrgenommen, wird versucht, durch abwerten oder ignorieren der Ergebnisse ein positives Selbstbild oder den sozialen Wert der eigenen Gruppe wiederherzustellen (Nauroth).

Für die Wissenschaftskommunikation ergeben sich daraus nach Nauroth zwei Schlussfolgerungen: Erstens sollte eine Intergruppenterminologie – im Beispiel etwa Wissenschaftler auf der einen und „Gamer“ auf der anderen Seite – unbedingt vermieden werden. Zweitens müsse Wissenschaftskommunikation versuchen, Forschungsergebnisse „identitätswertschätzend“ zu formulieren. Die Ergebnisse beider Forschungsprojekte schließen nahtlos an ältere sozialpsychologische Forschungsbeiträge an, siehe z.B. den Übersichtsvortrag von Susan Fiske zu „Motivated Audiences, Beliefs and Attitude Formation“ auf „The Science of Science Communication II“ von 2013:

Klimawandel in den Medien und die Wirkung von Grafiken

Wie die (Massen-)Medien mit solchen Einstellungen zusammenhängen, war ein Aspekt des Projekts, das Irene Neverla vorstellte. Die Projektgruppe untersuchte, wie Rezipienten medienvermittelter öffentlicher Kommunikation den Klimawandel wahrnehmen und deuten. Das wichtigste Ergebnis: Medienerfahrungen prägen das Wissen über den Klimawandel, haben aber praktisch keinen Einfluss auf Einstellungen oder Problembewusstsein – hier sind persönliche Erfahrungen und interpersonelle Kommunikation entscheidend. Ein Grund mehr, gerade in der Risikokommunikation stärker auf dialogische Formate zu setzen?

Ein theoretisches Fundament für ein Phänomen, das Praktikern in Journalismus und PR schon länger bekannt ist, präsentierte Katja Knuth-Herzig: Grafiken binden Aufmerksamkeit und führen dazu, dass Texte eher wahrgenommen werden (siehe dazu z.B. die Poynter EyeTracking-Studien aus den frühen 2000er Jahre). Ihre Forschungsgruppe beobachtete darüber hinaus, dass Probanden die Plausibilität und ihr persönliches Verständnis eines Textes besser bewerteten, sobald zusätzlich eine Grafik präsentiert wurde. Dieser Effekt blieb gleich, egal ob es sich bei der Grafik um ein Diagramm oder ein Foto handelte. Allerdings führten Diagramme zu einer kritischeren bzw. tieferen Auseinandersetzung mit dem Text. Der vorgestellte Erklärungsansatz postuliert (meine Darstellung ist natürlich stark verkürzt) einen reduzierten Cognitive Load durch Aktivierung relevanter Schemata. Das durch Diagramme aktivierte Schema bereitet dabei auf komplexere Inhalte vor, weshalb eine vergleichsweise kritischere Auseinandersetzung mit dem Text stattfindet. Damit ist für mich klar: Kein Text mehr ohne Grafik.

Neben diesen psychologisch geprägten Projekten wurde auch eine Reihe von Ergebnissen vorgestellt, die für WissenschaftsdidaktikerInnen an Schulen und Hochschulen, Museen und WissenschaftshistorikerInnen relevant sein dürften. Eine Übersicht über alle vorgestellten Projekte und die damit verbundenen Publikationen finden sich auf der Website des Schwerpunktprogramms.

Mein persönliches Fazit der Veranstaltung ist der deutliche Wunsch nach mehr solchen multidisziplinären Tagungen zur deutschsprachigen „Science of Science Communication“. Einziges kleines Manko war aus meiner Sicht das Fehlen von Videomitschnitten der Vorträge zum Nachhören und Teilen. Das kriegen aber selbst deutlich größere Veranstaltungen in Deutschland nicht hin, und es kann – aus welchen Gründen auch immer – auch einfach nicht gewünscht gewesen sein. Ich finde, hier wurde eine Chance vertan, ein Projekt mit dem Namen „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ für öffentliche Akteure oder Interessensgruppen außerhalb der Wissenschaft besser zugänglich zu machen.

Thorsten Schwetje

Akademische Mitarbeiterin in der Abteilung Wissenschaftskommunikation (Institut für Germanistik) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
“Wissenschaftskommunikation ist zu wichtig, um zu improvisieren”

Ein Gedanke zu „“Wissenschaftskommunikation ist zu wichtig, um zu improvisieren”

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